Ausbildungsoffensive im Kfz-Gewerbe
Wir durchleben nunmehr im vierten aufeinander folgenden Jahr eine Phase konjunktu-reller Turbulenzen und eine Phase instabiler Rahmen- und Marktbedingungen. Das kumulative Ergebnis in den ersten vier Monaten des Jahres ist negativ.
Die automobile Konjunktur hat deutliche Bremsspuren und dennoch bleiben unsere Unternehmen auf dem Gaspedal, wenn es um die Aus- und Weiterbildung geht.
Dies zeigt die feste Überzeugung unserer Unternehmen, dass die Berufe rund ums Automobil Zukunftsberufe sind.
Der neue Beruf des Kfz-Mechatronikers wird für viele Jugendliche eine attraktive Mög-lichkeit darstellen, im Kfz-Gewerbe Fuß zu fassen.
In der Liste der Wunschberufe nimmt „der Vorgängerberuf“ - der Kfz-Mechaniker - ei-nen der Spitzenplätze bei den gewerblichen Berufen ein. Rund 21.000 neue Ausbil-dungsverträge wurden im Jahr 2002 geschlossen. Das sind 12 Prozent aller Lehrstel-len im Handwerk.
Lassen Sie mich nur kurz einige Anmerkungen zur Darstellung der neuen Berufe vor-wegnehmen: Wir haben eine neue Ausbildungsordnung für den Gesamtbereich der Fahrzeuginstandhaltung, d. h. eine deutliche Trennung zwischen der Kraftfahrzeug-Systemtechnik und der Kraftfahrzeug-Karosserieinstandsetzungstechnik.
Die Entwicklung des neuen Berufsbildes wurde notwendig, da eine Trennung in me-chanische Arbeiten einerseits und eine Tätigkeit an elektronischen Systemen anderer-seits nicht mehr möglich ist. Deshalb kommt jetzt der Mechatroniker, der die Inhalte der „Vorgänger“ Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker zusammenfasst.
Die Spezialisierung im Bereich der Karosserieinstandhaltung auf den „Mechaniker für Karosserieinstandhaltungstechnik“ wurde nötig, weil neue Werkstoffe, insbesondere aber der Werkstoffmix den Spezialisten erfordern.
Wir geben den neuen Berufen große Chancen. Schätzungsweise werden rund 22.000 junge Leute ihre Ausbildung in dem Beruf des Kfz-Mechatronikers im August beginnen, für den Beruf des Mechanikers für Karosserieinstandhaltungstechnik rechnen wir mit ca. 10.000 - 12.000 Lehrlingen.
Trotz dieses Optimismus will ich dennoch nicht den Blick dafür verstellen, dass auch in punkto Ausbildung auf das Kfz-Gewerbe Probleme zukommen: sehr wahrscheinlich werden wir in fünf bis sechs Jahren einen Mangel an qualifizierten Bewerbern haben.
Auf den ersten Blick scheint die Situation schizophren: Wir haben auf der einen Seite eine stetig wachsende Schar von Arbeitslosen, auch arbeitslosen Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden. Auf der anderen Seite haben wir viele Unternehmer, die Lehr-stellen nicht besetzen können.
Die Widersprüchlichkeit erklärt sich offensichtlich daraus, dass wachsende Diskrepan-zen zwischen den gesuchten und den angebotenen Qualifikationen herrschen. Den Ansprüchen an die komplexe Technik des Automobils ist mit ausschließlich „mechani-schen“ Fähigkeiten kaum noch beizukommen. IT-Kenntnisse sind mehr und mehr ge-fragt.
Die zunehmende Kundenorientierung setzt Kommunikationsfähigkeiten und soziale Kompetenzen voraus. Wir wissen aus Befragungen und Studien, dass Bewerber immer weniger die nötigen Qualifikationen mitbringen.
Fehlende Motivation, fehlende Selbständigkeit und mangelnde Leistungsbereitschaft sind keine Einzelerscheinungen.
Berufe im Kfz-Gewerbe verlangen einen sehr guten Hauptschulabschluss, besser noch einen Realschulabschluss. Heute verfügen in den gewerblichen Berufen des Kfz-Gewerbes lediglich 35,2 Prozent über einen mittleren Bildungsabschluss, demgegen-über besitzen 65 Prozent in den kaufmännischen Berufen diesen Abschluss.
Eine problematische Tatsache ist, dass zunehmend mehr Schulabgänger - insbeson-dere von Realschulen - angeben, dass sie über einen schulisch-universiären Ausbil-dungsweg in das Arbeitsleben eintreten werden, d. h. der typische Rekrutierungsweg unserer Branche verliert an Attraktivität.
Der Trend zu höherer Qualifikation ist nicht zu übersehen, die neue Gestaltungsfreiheit in der Arbeitsorganisation verlangt solides Fachwissen und ein hohes Maß an Organi-sation und Koordination.
Fähigkeiten in Mathematik, gute Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern sowie Computerkenntnisse sind Voraussetzungen.
Das Kfz-Gewerbe ist mittendrin in durchgreifenden Strukturveränderungen. Wenn Sie dieses Audizentrum betrachten, wenn Sie die Technik dieser Autos betrachten - und dies gilt für alle Marken und Modelle - dann wird deutlich, welche Qualifikationen wir brauchen.
Wir verlangen nicht nur etwas, wir bieten auch viel. Zum Beispiel berufliche Perspekti-ven in einer beispielhaften Kombination. Unsere Karriereleiter ist einzigartig.
Dies können wir gerne noch vertiefen!
Beispielsweise haben wir zu Beginn der 90er Jahre als erste Branche zwischen Gesel-le und Meister eine mittlere Funktionsebene, den Kfz-Servicetechniker etabliert, die 1998 im Rahmen einer staatlich anerkannten Fortbildungsregelung fixiert wurde. Bis zum heutigen Tag konnten mehr als 12.000 Servicetechniker ausgebildet werden.
Im übrigen ist die Fortbildungsverordnung zum Kraftfahrzeug-Servicetechniker mit der Meisterverordnung so verlinkt, dass ein Kfz-Servicetechniker sich den praktischen Teil der Meisterprüfung ersparen kann. Dies ist unseres Erachtens eine sehr konkrete Per-spektive für junge Menschen.
Des weiteren wurde mit dem Fortbildungsmodell des Geprüften „Kfz-Serviceberaters“ ein Pendant zum Verkäufer etabliert.
Das Kfz-Gewerbe bleibt sich seiner Verantwortung als Ausbilder bewusst.
Aus- und Weiterbildung sind Investitionen, die sich lohnen. Das wissen wir als Unter-nehmer. Hier brauchen wir keine Nachhilfe von der Politik.
Im Gegenteil: Die vor wenigen Tagen in der Politik diskutierte Zwangsabgabe für nicht-ausbildende Betriebe betrachten wir als Schritt in die falsche Richtung. Das hieße: Große kaufen sich frei, Kleine werden belastet.
Die Tatsache, dass viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, weil geeignete Bewer-ber fehlen, sollte ein Hinweis für Bildungspolitiker und Bildungspraktiker sein, den wei-teren Bildungsverfall mit seinen ungeheuren Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft zu stoppen.
Die beste und unverzichtbare Vorbereitung auf die Zukunft ist und bleibt eine gute All-gemeinbildung.
Unsere Ausbildungsoffensive ist mit den neuen Berufen und dem starken Engagement in der Aus- und Weiterbildung meiner Überzeugung nach die richtige Antwort auf Pisa.
Insofern ist der Abschied nach über 60 Jahren vom Kfz-Mechaniker auch ein Ende aller Vorurteile: Der ölverschmierte Schrauber unter dem Auto in der Grube existiert nicht mehr.
High Tech-Produkte brauchen High Tech-Service oder noch plakativer formuliert: Un-sere guten Autos brauchen im Verkauf und im Service die Besten.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Letzte Änderung: 03.01.2004
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