Detroit 2009: Jaguar wird bissiger
Nach O'Driscoll sorgen die Motoren für das Herzblut einer Marke. Deswegen tritt Jaguar gleich mit zwei neuen Triebwerken an. Der Drei-Liter-Diesel entstand aus dem Kooperationsmotor mit 2,7 Litern Hubraum, den einst die französische PSA für Citroen und Peugeot sowie Ford samt Jaguar entwickelt hatten. Beim neuen Achtzylinder-V-Motor Benziner mit fünf Litern Hubraum handelt sich es sich um eine Neuentwicklung. Er hat von seinem Vorgänger mit 4,2 Litern Hubraum nur zwei Teile gemeinsam.
Die Motorenentwickler im Jaguar-Entwicklungszentrum Whitley, nahe Coventry in England gelegen, haben sich große Mühe gegeben, mit diesen neuen Motoren an die Spitze des Motorenbaus vorzudringen. Sie messen sich dabei mit solch edlen Vorbildern wie BMW und dem japanischen Luxus-Ableger von Toyota - dem Lexus.
Der Lexus-Motor dient auch bei Jaguar als das Maß der Dinge, was Vibrationen und Geräuschentwicklung angeht. Da zeigen die Daten der Jaguar-Techniker, dass die Neuen den Lexus überbieten können. Bei den BMW-Motoren haben die Entwickler eher solch Eigenschaften wie Ansprechverhalten, Laufkultur, Drehmomententwicklung und -verlauf im Blick. Hier zeigen die Daten, dass die Jaguar-Motoren denen der Bayern in vielen Punkten ebenbürtig und in einigen Punkten überlegen sind.
Besonderen Wert legt man bei Jaguar auf das Verhalten der Motoren in den unteren Drehzahlbereichen. Das mag für einen Sportwagenhersteller erstaunlich klingen, aber die Recherchen des Unternehmens hatten ergeben, dass die Kunden ihren Jaguar in 80 Prozent der Fälle bei Drehzahlen unter 2500 Umdrehungen pro Minute (U/min) bewegen. Die neuen Jaguar-Motoren bauen deswegen schon bei sehr niedrigen Drehzahlen auf hohes Drehmoment , mehr als vergleichbare Motoren. Das erleichtert das Anfahren und das aus dem "Drehzahlkeller" Herausbeschleunigen.
Grundsätzlich gilt auch für die neuen Jaguar-Triebwerke, was heutzutage für viele neue Motoren gilt: mehr Leistung, weniger Verbrauch oder doch zumindest keine Verschlechterung der Verbrauchswerte bei höherer Leistung. Der wesentliche Vorteil beim Achtzylinder-Benziner besteht im höheren Drehmoment. Der Zuwachs bei der Leistung stammt eher aus dem Zuwachs an Hubraum. Der Unterschied zwischen alt und neu fällt bei den Dieseln gewaltig aus: In der stärkeren der beiden Versionen sind es 32 Prozent mehr Leistung und unter 1500 U/min sogar 61 Prozent mehr Drehmoment als beim Vorgänger.
Das Motorengeräusch blieb von der Neuentwicklung nicht unberührt. Schließlich wollte man das Geräusch dem neuen Maß an Fahrdynamik anpassen, ohne "allzu aufdringlich zu wirken", wie es ein Entwickler formulierte. So entstand für die neuen Motoren ein ähnlicher Klangcharakter. Für einen Jaguar reicht das Spektrum nun vom typischen Schnurren, über ein tiefes Grummeln bis hin zum Raubtierfauchen.
Zusammen mit modernen Technologien zur Verbesserung der Fahrdynamik und viel Feinarbeit am Äußeren und Inneren verpasst Jaguar seinen Fahrzeugen einen neuen Schub: Sportlich will man sein und bestimmt nicht weichlich, eher kernig, bestimmt nicht komfortabel, eher luxuriös und das mit der altbekannten Mischung von edel, modern, gediegen und stark. Soviel ist sicher: Jaguar nähert sich in der Tata-Ära wieder den geschätzten Markenwerten. Mike O'Driscoll konnte sich jetzt jedenfalls die Bemerkung nicht verkneifen, dass man bei Jaguar wieder über ein Motorsportengagement nachdenke. Mit den neuen Benzinmotoren haben die Briten jedenfalls gutes Ausgangsmaterial in der Hand.
Der Achtzylinder-Benziner mit fünf Liter Hubraum wird als Saugermotor und als Kompressormotor (Supercharged) angeboten. Die Motorblöcke sind identisch. Der Unterschied findet bei beiden Direkteinspritzern im Kopf statt. Die Saugerversion bringt es auf 283 kW / 385 PS, der Kompressormotor auf 375 kW / 510 PS und ein Drehmoment von 625 Newtonmeter (Nm) zwischen 2500 und 5500 U/min. Der Sauger erreicht 515 Nm bei 3500 U/min.
Der Verbrauch liegt unter dem der Vorgängermotoren mit 4,2 Liter Hubraum, die Leistung des Neuen mit dem Doppel-Vortexkompressor um 23 Prozent und das Drehmoment um zwölf Prozent höher. Bei der Sauger-Version sind die Unterschiede noch bemerkenswerter: 29 Prozent mehr Leistung und 25 Prozent mehr Drehmoment. Beide Motoren entsprechen der künftigen Abgasvorschrift EU5 und erfüllen auch die strenge US-Vorschrift ULEVII.
Ob auch der neue Drei-Liter-Sechszylinder Diesel zu den Ultra Low Emission Vehicles (ULEV) gehört, hat man bei Jaguar offenbar noch nicht geprüft. Denn der Diesel ist zunächst eine europäische Spezialität. Schließlich wurden 2008 rund 70 Prozent aller Jaguar mit Dieselmotor verkauft.
Der Neue wird in zwei Versionen angeboten. Die stärkere erreicht dank sequentieller Biturboaufladung 202 kW / 2275 PS und ein maximales Drehmoment von 600 Nm bei 2000 U/min. Damit zählt dieser Motor zu den stärksten Sechszylinder-Dieseln seiner Klasse. Sicher wird diese Daten in München, Ingolstadt und Stuttgart den Ehrgeiz auslösen, nicht nur in der Papierform mitzuhalten.
Eher in das heutige Wettbewerbsumfeld passt die zusätzliche Diesel-Variante mit 177 kW / 240 PS und 500 Nm maximalem Drehmoment. Für deutlich bessere Fahrleistungen und besseres Ansprechverhalten der Motoren niedrigeren Verbrauch sorgen beide Versionen. Den Jaguar XF Diesel S beschleunigt sein Motor in 6.4 Sekunden von null auf 100 km/h. Sein Verbrauch liegt im Schnitt nach EU-Norm bei 6,8 Litern, sein Kohlendioxidausstoß pro Kilometer bei 179 Gramm, nach 199 g/km beim Vorgänger.
Der schwächere Diesel schafft die 100-km/h-Marke nach 7,1 Sekunden und braucht damit eine Sekunde mehr als der Vorgängermotor. Die Werte für Verbrauch und Kohlendioxidausstoß sind - trotz jeweils 15 Prozent mehr bei Leistung und Drehmoment - sind auf dem gleichen Niveau geblieben.
Die Achtzylinder werden zunächst nur den Jaguar XKR (R wie Race oder Rennen) und das neue Modell Jaguar XFR antreiben. Aber es bedarf keiner großen Phantasie, sich auch die großen Jaguar-Limousinen oder die Range Rover mit diesen Treibwerken vorzustellen. Näheres wissen wir vielleicht schon im März, wenn Jaguar und Land Rover beim Genfer Automobilsalon ihre Neuheiten enthüllen. (ar/Sm) Letzte Änderung: 12.01.2009
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