Gastkommentar: Es gibt ein Leben nach der Krise

Was haben die Gewinnwarnung bei Daimler, die Zahlungsunfähigkeit bei Hertie, die Krise auf dem Automobilmarkt und die grundsätzlich ins Negative umschlagende gesamtwirtschaftliche Stimmung miteinander zu tun? - Eigentlich viel, denn alles hängt irgendwie zusammen. Dennoch sollte niemand in Panik verfallen, was in manchen Unternehmen durchaus den Anschein hat. Da werden schon wieder Sparprogramme aufgelegt, Mitarbeiter verunsichert, wird von Krise geredet und der Rotstift angesetzt.

Die Lage der Wirtschaft ist sicher nicht so gut wie im vergangenen Jahr. Aber bei allem Wehklagen verdienen die Unternehmen auch in diesem Jahr gutes Geld. Dass Wirtschaft volatil, immer Schwankungen unterworfen ist, wissen wir, seit es Wirtschaft gibt. Das ist kein Grund, langfristig angelegte Strategien infrage zu stellen. Wer angesichts zurückgehender Verkäufe Entscheidungen anders trifft als in guten Zeiten, macht es sicher falsch.

Furcht vor der Zukunft ist ein schlechter Ratgeber. Die um sich greifende Verunsicherung hängt allerdings auch mit der politischen Lage zusammen, in der auf die Autoindustrie und die Autofahrer verbal eingeschlagen wird. Allerdings muss sich die Autoindustrie zumindest partiell auch Kritik gefallen lassen.

So klagen die Autohersteller teilweise zu Unrecht, dass sie von der strengen Verbrauchsreglementierung der EU völlig überrumpelt worden seien. Die EU-Regelung zum CO2-Ausstoß liegt zumindest in ihren Grundsätzen seit über zehn Jahren auf dem Tisch, kam also so überraschend wie Weihnachten. Schließlich hatte der europäische Autoherstellerverband ACEA das Grundsatzpapier selbst unterzeichnet, namentlich der damalige Präsident Bernd Pischetsrieder.

Dass die Spritpreise im vergangenen Jahr so dramatisch nach oben geschossen sind, konnte natürlich niemand ahnen. Dass sie nicht sinken würden, wusste aber jeder. Niedriger Spritverbrauch bei steigenden Kraftstoffpreisen wäre also auch ohne EU-Regelung immer wichtiger geworden, das war doch jedem klar. Und wenn man in die Entwicklungsabteilungen der meisten großen Hersteller hineinhört, melden sich nun jene zu Wort, die da sagen, 1997 mit ihren Warnungen, dass die EU es ernst meinte, nicht gehört worden zu sein. Jetzt ist der Druck größer geworden. Allerdings wird die Autoindustrie diese Herausforderung mit innovativen Technologielösungen beantworten, daran kann kein Zweifel aufkommen.

Ob Unternehmen gut beraten sind, nun den Klimawandel als wichtigen Grund für anstehende Entwicklungen ins Feld zu führen, ist dagegen mehr als fraglich. Irgendwie klingt das nach populistischer Ausrede. Es soll so klingen, als drohe wirklich ein Klimawandel, den es nun zu bekämpfen gelte. Fragt man die Entwickler in den Unternehmen, glauben die wenigsten an einen vom Menschen verursachten Klimawandel, sagen aber auch: "Wir können uns der öffentlichen Meinung doch nicht in den Weg stellen. Unsere Kunden wollen von uns hören, dass wir den Klimawandel ernst nehmen."

Das könnte auch andersherum gesehen werden. Denn es gibt auch Kunden, die sich ärgern, dass "ihre" Autofirma nun den Klima-Apokalyptikern Recht gibt und damit gewissermaßen einräumt, dass die Autofahrer, Flugzeugpassagiere, Hauseigentümer, Urlauber daran die meiste Schuld hätten. Klimawandel darf nicht zum Grund für sparsamere Motoren gemacht werden, sondern allein die steigenden Kraftstoffpreise und endlichen Ressourcen.

Die allerdings sind nicht so endlich, wie andere Panikmacher wiederum meinen. Der Club of Rom hatte schon 1972 fürs Jahr 2000 das Versiegen aller Ölquellen prophezeit. Und sie sprudeln noch immer. Auch hier war und ist Krisengerede völlig fehl am Platz.

Dass der Großteil der Autoindustrie mit Ausnahme von Volkswagen die Werbung drastisch zurückgefahren hat, um zu sparen, ist ein weiteres Indiz kurzfristiger Atemlosigkeit. Weil die Autokäufe eigentlich weltweit zurückgehen, müssten die Unternehmen im Gegenteil antizyklisch in Kommunikation investieren, wie das in den 70er- und 80er-Jahren der Fall war. Damals wurde in schlechten Zeiten mehr Werbung gemacht, um mehr zu verkaufen. Heute scheinen viele Firmen zu glauben, dass bei guten Geschäften mehr in Kommunikation investiert werden muss als in schlechten Zeiten. Logisch ist das nicht.

In die wirtschaftspolitische Gemengelage passt dann auch, dass Oskar Lafontaine sich über das auf 100 Millionen Euro spekulierte Gehalt von Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking aufregen darf. Dass der Salon-Sozialist damit zum Ausdruck bringt, letztendlich auch die Höhe von Privatvermögen nach alter Kommunistenmanier begrenzen zu wollen, ist den meisten Lesern dieser Nachrichten sicher nicht klar geworden. Wiedeking war schließlich mit seinem Privatvermögen eingesprungen, als es Porsche sehr dreckig ging. Nur so etwas interessiert die Linken nicht, wenn sich die (sonst von der Partei immer geforderte) Gewinnbeteiligung eines angestellten Managers nur für die nächste Wahl populistisch ausschlachten lässt.

Die Autoindustrie hat weltweit gewiss viele Baustellen, sprich Herausforderungen. Sie sollte sich jetzt aber nicht in eine Krisensituation hineinreden. Und hineinreden lassen. So wie in guten Zeiten gilt, dass wieder schlechte Zeiten kommen, gilt auch umgekehrt, dass nach mäßigen Zeiten wieder gute kommen. Mit anderen Worten: Es gibt ein Leben nach der Krise. (ar/PS/HU)

(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 03.08.2008









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