Gastkommentar: Herr Reithofer, übernehmen Sie!

"Die BMW Group ist in allen Segmenten auf Premiumkurs", so steht es sinngemäß seit einigen Jahren als Credo über allem, was im Münchner Konzern an Strategien und Konzepten ausgedacht wurde und wird. Der Erfolg der BMW Group war in dieser Konsequenz eigentlich programmiert. Und jetzt schwächelt der Konzern in einem winzigen Detail, das eigentlich nicht der Rede wert wäre, wenn es nicht eine verheerende Image-Beule verursachen könnte. Stichwort "ESP" beim MINI, das es nicht serienmäßig, sondern nur als aufpreispflichtiges Extra gibt.

Das ist wirklich nicht in Ordnung. Ein Konzern, der sich Sicherheit und premium verschrieben hat, darf es doch nicht kleinkarierten Controllern oder subalternen Mitarbeitern überlassen, das Image des Gesamtkonzerns als technologisch herausragendes Unternehmen zu beschädigen. MINI gehört zur BMW Group wie Rolls-Royce und BMW! Und ein MINI gehört nicht gerade zu den Billigautos auf dem Markt. Im Gegenteil, er ist wohl der teuerste Kleinwagen überhaupt, aber er ist ein Erfolg, weil er mittlerweile (wieder) Kultstatus erreicht hat.

Da kann es einfach nicht angehen, dass ein so wichtiges Sicherheitsextra wie das ESP aufpreispflichtig ist. Wir kritisieren solche Mängel bei Billigprodukten aus dem Osten und sollen so was bei einer deutschen Nobelfirma tolerieren? Auch wenn der MINI aus England kommt, liegt die Verantwortung natürlich bei BMW. Und da sieht es ganz anders aus. Jeder BMW hat ESP serienmäßig, ja, selbst Kleinwagen anderer Marken im Niedrigpreissegment trumpfen damit auf. Da darf es einfach nicht passieren, dass so ein Extra dem Rotstift zum Opfer fällt, weil ein Buchhalter glaubt, dass die Leute das Extra extra bezahlen sollen.

Das ist ohne Zweifel eine strategische Fehlentscheidung. Hier muss der Konzernchef selbst ran und so ein Thema zur Chefsache machen. Dazu kommt, dass der MINI in einigen Märkten serienmäßig mit ESP ausgestattet wird, nur nicht hier. Ist denn Deutschland ein Entwicklungsland in Sachen Sicherheit? Wir haben zwar die höchsten Autopreise zu zahlen, dürfen aber nicht das Gleiche erwarten? Das kann es nicht sein.

Böswillig könnte man ja auch sagen, dass die BMW-Modelle unsichere Fahrwerke hätten und deshalb ESP serienmäßig bekämen, der MINI es aber nicht brauche. Das ist natürlich Unsinn, aber ein MINI ohne serienmäßiges ESP ist fast schon ein Fall für die Menschenrechtskommission.

Im Ernst, BMWChef Reithofer muss dafür sorgen, dass konzernweit auch in Details die Premiumstrategie umgesetzt wird. Dazu gehört auch ein so unscheinbares Detail wie ein serienmäßiges ESP. Wer diese Entscheidung, es aufpreispflichtig zu machen, getroffen hat, sollte einen Kurs in Sachen Premiumprodukt-Wahrnehmung machen. Damit er lernt, dass Ersparnisse an der einen Stelle sehr teuer werden können, wenn sie das Image eines Unternehmens tangieren. Herr Reithofer, bitte übernehmen Sie! (ar/PS/HU)

(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienst PS Automobilreport) Letzte Änderung: 12.11.2006









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