Gastkommentar: Treibsatz Luxus
Die diesjährige Zulassungsstatistik des Kraftfahrt-Bundesamtes beschert der Autobranche schlechte Träume. Aber auch den Umweltverbänden liegt sie vermutlich quer im Magen. Denn trotz auffälliger Kaufzurückhaltung, die sich in sinkenden Absatzzahlen niederschlägt, machen das Rennen keineswegs nur noch die Kleinwagen unter sich aus, was angesichts der weltweiten Klima- und CO2-Hysterie eigentlich verständlich wäre. So gar nicht zu den Erwartungen derer, die seit der Klimadebatte von Autokäufern mehr Bescheidenheit einfordern, passte das auffällige Zulassungsplus bei Sport- und Geländewagen in der ersten Jahreshälfte.
Zuerst beim Wickel haben Umweltverbände die Premiumetagen des Automobilbaus, denen sich vor allem deutsche Hersteller traditionell widmen. Mit großem Exporterfolg, wie jeder weiß. Auch in Medienkommentaren wird ihnen jüngst nahegelegt, sich schleunigst umzuorientieren. Zum Beispiel BMW. "Als globaler Konzern kann BMW seine Zukunft nicht allein auf Luxus ausrichten. Reithofer muss BMW für den Massenmarkt öffnen", schrieb "Die Zeit" im Sommer. Denn der Automarkt werde sich bis 2016 "dramatisch spalten".
Einerseits, heißt es weiter, profitierten teure, technisch hochwertige Fahrzeuge wie die von BMW, Mercedes oder Audi vom zunehmenden Wohlstand. Andererseits verlange "in Asien ein Heer von Kunden nach einer bezahlbaren Alternative". Kaum 5.000 US-Dollar dürften "diese Vehikel" kosten. In dieser Klasse liege "das wahre Eldorado der Autoindustrie". Deutschlands Parademarken - BMW, Mercedes und Audi - liefen Gefahr, "nur noch eine Nische der Extravaganz zu füllen".
So kann man das sehen. Aber auch ganz anders. Das "Handelsblatt" seinerseits titelte: "Die Lust der Käufer lässt die Hersteller erlesener Marken boomen und provoziert die Billigheimer zu raffinierter Nachahmung." Auch im Technikwunderland Deutschland sei Luxus zum Allgemeingut und zur Triebfeder des Konsums geworden. Das Sich-etwas-gönnen-wollen" habe den deutschen Michel erreicht. Durch nichts sei die Lust auf Luxus größer geworden als durch die "Geiz-ist-geil"-Parole.
Was ist da dran? Autohändler sind sich jedenfalls einig darüber, dass sich für das abgespeckte Einstiegsmodell einer Marke selten ein Käufer interessiert. An optional erhältlicher Ausstattung werde keineswegs demonstrativ gespart. Dass mitunter sicherheitsrelevante Aufbesserungen zu kurz kommen, während etwa Breitreifen und attraktive Felgen Vorrang haben, ist allerdings ebenso auffällig. Der Trend dürfte anhalten.
Machen fortan wirklich ausschließlich Kleinwagen Karriere? Hat Premium ausgedient? Beim Verweis auf China und dessen riesigem Bedarf an schlicht ausgestatteten bezahlbaren Pkws scheint Zurückhaltung angebracht. Für den größeren Teil des Volkes dürfte selbst ein spartanisch ausgestatteter Kleinwagen noch sehr lange Wunschtraum bleiben. Aber es gibt - wie so was auch immer gehen mag - einen größer werdenden Kreis vermögender Chinesen, die den Luxus lieben. Und damit seien, wie die "Welt am Sonntag" einen chinesischen Journalisten zitiert, nicht kopierte Luxusgüter gemeint. Die würden "nur für geizige Westler gemacht". Eigenem Luxusanspruch der Chinesen genügten Kopien nicht. Ein vermögender Chinese flöge sogar nach Paris, um die Chanel-Tasche im Originalgeschäft kaufen zu können, heißt es weiter.
Den gehobenen Ansprüchen erfolgreicher chinesischer Geschäftsleute, die bereits in sichtbarem Wohlstand leben, hat beispielsweise die Langversion des Audi A6 ihre Existenz zu verdanken. Sie gibt es nur in China. Audi - dort anerkannte Nummer eins unter den Premiumherstellern - sieht in China den "zweiten Heimatmarkt".
Es ist eben die Marke, die den Unterschied macht. Von solcher Überzeugung der Chinesen profitiert auch Volkswagen. Das Image von VW führt dazu, dass in diesem Jahr in China voraussichtlich nahezu eine Million Fahrzeuge mit dem VW-Zeichen verkauft werden, darunter schätzungsweise 80.000 Polo. Das macht deutlich, wie letztlich die gesamte Modellpalette am Ruf einer begehrten Marke partizipiert. Wie sonst ließe sich der Erfolg des Polo erklären, der in China immerhin dreimal mehr kostet als ein Kleinwagen chinesischer Produktion.
Eine Faszination besonderer Art wird stets von jenen Gipfelstürmern ausgehen, die traditionell für absoluten automobilen Luxus stehen. Im Grunde sind Marken wie Rolls-Royce, Maybach, Bentley, Lamborghini, Ferrari unverzichtbar. Schließlich gilt das absolute Oberhaus gleichzeitig als Quell technischer Innovationen. Ein Abbau der automobilern Spitze käme dem Verzicht auf kostenintensive Weiterentwicklungen gleich, die mit dem Erlös aus dem Absatz von Kleinwagen nicht im Mindesten finanziert werden könnten. Das trifft auch für jene technische Neuerungen zu, die Autos zunehmend sicherer und obendrein wesentlich sparsamer machen sollen. Das Geld für intensive Forschung und technische Weiterentwicklungen wird zuerst in eben diesem automobilen Oberhaus verdient. Davon profitieren am Ende Autos aller Größenordnungen.
Vorwurfsvoll mit Fingern auf die vermeintlich entbehrliche Premiumliga zu zeigen, beweist nur, dass derlei Zusammenhänge offenbar nicht gesehen werden. Im Grunde kann die Autobranche froh sein, dass sich weltweit immer wieder Käufer finden, die sich automobilen Luxus gönnen wollen und dazu in der Lage sind, dafür sehr tief in die Tasche zu greifen.
Bisher ist es unter marktwirtschaftlichen Spielregeln immer so gewesen, dass sich nur verkaufen lässt, was Kunden wirklich haben wollen. Große Begierde kann auch ein hoher Preis nicht bremsen. Daran wird sich nichts ändern. Um den Fortbestand des automobilen Oberhauses muss man sich nicht sorgen. (ar/PS/WR)
(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 15.12.2007
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