Gastkommentar: Welch Glück, dass es CO2 gibt
Wer auf der Autoshow in Frankfurt auch einen Blick auf die Randbereiche der Automobilindustrie wirft, sich etwa für die Aktivitäten von Zulieferern, Prüforganisationen oder Verbänden interessiert, muss den Eindruck gewinnen, dass der spät entdeckte gemeinsame Feind - das CO2 - ein eigenartiges Doppelleben zu führen scheint. Hier Übeltäter - da rettender Engel. Was wohl, fragt man sich, stünde heute in Pressemitteilungen, wäre dem Kohlendioxid nicht der heilige Krieg erklärt worden! Woran machten Unternehmen ihre aktuellen Argumentationen fest, verschwände das Kürzel CO2 über Nacht aus dem Sprachgebrauch?
Fast ist man geneigt, im CO2 den eigentlichen Treiber für den gefühlten wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland zu sehen, wäre man sich nicht bewusst, dass die verbalen Attacken gegen den erklärten neuen Feind auch manch hohles Pathos enthalten. Der Ehrgeiz siegt, einfach irgendwie dabei zu sein, nicht abseits zu stehen, wenn es um eine so gewaltige Anstrengung wie die Reduzierung des bezichtigten Treibhausgases Kohlendioxid geht. Besser ein bloßes Wortgefecht als gar nichts!
Je energischer mit dem neuen Feindbild ins Gericht gegangen wird, desto mehr muss beschäftigen, wie verantwortungslos es doch eigentlich war, jahrzehntelang überhaupt keine Notiz von einer Gefahr zu nehmen, der sogar zugetraut wird, einen Klimawandel zu beschleunigen oder gar auszulösen. Wer, fragt man logischerweise weiter, hat denn da geschlafen? - Ein nie gestellte Frage. Stattdessen hält man deutschen Automobilherstellern bei jeder Gelegenheit vor, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten und sich von anderen, die dem CO2 früher und wirksamer Paroli böten, glatt überholen ließen.
So seltsam die Züge auch sind, die die CO2-Debatte mitunter annimmt - sie hat was Gutes. Lockt sie doch sogar die Politik aus der Reserve, die sich bekanntlich für die deutsche Automobilindustrie nicht sonderlich ins Zeug legt. Unseren Automarken tut gewiss gut, wenn die Bundeskanzlerin in ihrer Rede anlässlich der Eröffnung der IAA die "anspruchsvolle technologische Kompetenz" ins Spiel bringt, die deutsche Fahrzeuge präge. Und - um beim Thema zu bleiben - über 57 Prozent mehr Leistung als 1990 stecke in deutschen Neufahrzeugen, die aber nicht mehr Kraftstoff verbrauchten.
Wenigstens Angela Merkel scheint verinnerlicht zu haben, welche Bedeutung gerade die deutsche Automobilindustrie als Arbeitgeber und internationale Wirtschaftskraft hat. Sie belegte das mit eindrucksvollen Zahlen. Mit einem Umsatz von 250 Milliarden Euro sei unsere Autobranche zu einem Fünftel am Gesamtumsatz der deutschen Industrie beteiligt, und zum Export steuere sie 20 Prozent bei, brachte die Kanzlerin in Erinnerung und sagte der deutschen Automobilindustrie ohne Umschweife ihre Unterstützung zu in dem Bemühen, die von der EU angekündigten Vorgaben zum CO2-Ausstoß auf Fahrzeugsegmente zu beziehen. Grenzwerte müssten auf "verschiedene Segmente fair verteilt werden".
Das überrascht, sucht sie ihr politisches Heil doch viel lieber bei Auftritten im Ausland. Dazu passt allerdings, dass sie entschlossen auch für den Schutz geistigen Eigentums eintreten wird. Bei allem Streben, von der Globalisierung profitieren zu wollen, würden globale Märkte gemeinsame Spielregeln unerlässlich machen. Eine gesunde Entwicklung in dieser globalisierten Welt, in der auch Technologietransfer zum normalen Geschäft gehöre, könne nur möglich sein, wenn Ehrfurcht vor Erfinderleistungen herrsche und das geistige Eigentum entsprechend geschützt sei. - Deutsche Automarken dürften das mit Blick auf China mit besonderer Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Wenn solchen Worten auch Taten folgen, wird aus Angela Merkel womöglich noch eine Autokanzlerin. (ar/PS(WR)
(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 16.09.2007
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