Gastkommentar zu BMW: Der Kurswechsel
Die Unruhe im Unternehmen ist groß. Mancher sieht die Unternehmenskultur "die Isar runtergehen". Andere Manager bestätigen den neuen Kurs, "weil wir so nicht mehr weitermachen konnten", ohne im Detail zu sagen, was schiefgelaufen sein soll. Das Unternehmen - sein Management wie seine Mitarbeiter - erleben zum ersten Mal die Erfahrung, nicht genau zu wissen, wohin die Reise geht.
Viele der Zukunftsprojektionen Reithofers wabern unscharf hinter einer verbalen Nebelwand. Sie zu erkennen, fällt selbst Mitarbeitern aus dem nahen Umfeld des Vorstands schwer. Er dürfte mit seinen im Ungefähren verharrenden Ankündigungen viel Raum für Spekulationen gegeben haben. "Der einzige konkrete Punkt, den ich sehe", sagt eine Führungskraft, "ist der, dass die Rendite steigen muss."
An einem Beispiel lässt sich vielleicht zeigen, wie unsicher die strategischen Perspektiven geworden sind. Hatte die BMW-Führung der letzten drei (!) Vorstandsvorsitzenden im Wasserstoff verbrennenden Ottomotor die Lösung der Zukunft gesehen, ist das Thema heute so gut wie ad acta gelegt. So ist die einstmals groß kommunizierte Wasserstofftankstelle am Münchner Flughafen schon vor längerer Zeit sang- und klanglos abgebaut worden.
Die Kleinserie von Siebenern mit Wasserstoffmotor, verteilt an Prominente in aller Welt, wird wohl künftig nur noch in Museen gezeigt werden, obwohl sie einst von Reithofers Vorgängern als "in der offiziellen Preisliste" stehendes Modell versprochen worden war. Allerdings muss man B MW zugestehen, dass man wirklich alles versucht hat, die Technologie gesellschafts- und vor allem marktfähig zu machen. Leider führt dies zur Erkenntnis, dass das Leben auch den bestraft, der zu früh kommt. Man möchte BMW mit seinen neuen Visionen zum Elektroauto mehr Glück wünschen.
Der neue BMW-Kurs steckt voller Risiken. Dass der Automobilkonzern im Augenblick strategisch wackelig erscheint, wird vor allem intern wahrgenommen. Wahrnehmung aber - ob richtig oder falsch - ist Wirklichkeit. Deswegen sind die Fragen, die Norbert Reithofer im vergangenen Jahr auf der Shanghai Autoshow selbst formuliert, auch heute noch hoch aktuell: "Hat das Unternehmen durch mutige Investitionen die Möglichkeiten geschaffen, kommende Chancen zu nutzen? Sind die Mitarbeiter motiviert? Gibt es eine Unternehmenskultur, die unternehmerisches Denken und Handeln fördert? Hat das Unternehmen alle wichtigen Trends in seinem Umfeld auf der Rechnung - und wenn ja, wie ist es darauf vorbereitet? Und nicht zuletzt: Handelt das Unternehmen verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert? Ist es bereit, gesellschaftliche Verantwortung als corporate citizen zu übernehmen?"
Eine BMW-Führungskraft meint aktuell dazu: "Ich weiß nicht, ob wir noch alle diese Fragen vorbehaltlos mit ja beantworten können. Meine Mitarbeiter sind nach dem aktuellen Strategiewechsel jedenfalls alles andere als motiviert." An allen Ecken und Enden werde auch dort gespart, wo es um produkttypische Substanz gehe. So sei die Abkehr vom Hochdrehzahlkonzept bei der Motorenentwicklung der M GmbH hin "zur billigeren Turboaufladung" die Aufgabe eines Kernwertes der Tochterfirma. "Ich sehe die Gefahr der Beliebigkeit, BMW wird wohl wie alle werden: stromlinienförmig und börsenorientiert." (Hans U. Wiersch - ar/PS)
(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 23.03.2008
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