Glosse: Klassenkampf
Auf der Autobahn erleben wir die klassische Drei-Klassen-Gesellschaft: Links fahrt die Oberklasse, die allerdings gern auch mal einen Sportwagen am großen Leben teilhaben lässt. In der Mitte tummelt sich - wie der Name schon sagt - die Mittelklasse. Die übt sich häufig in Toleranz gegenüber den Kompakten, sofern sie sich als PS-stark zu erkennen geben. Auf die rechte Spur gehören die Kleinwagen, als Lückenfüller zwischen den Lkw. Im Verkehr gelten die politischen Einordnungen also nicht. Auf der Straße sind die Großen links und die Kleinen rechts.
Soweit so normal. Aber nur wenige hatten bisher Gelegenheit, die Drei-Klassen-Gesellschaft in Deutschland mit einem Lada Kalina durcheinander zu bringen. Der ähnelt ein wenig dem Ford Fiesta vor zwei Jahrzehnten, trägt aber zu seinem Unglück in der Heckscheibe den unübersehbaren Aufkleber mit dem Hinweis auf seine russische Herkunft.
Der Kaukasus-Konflikt war noch nicht ausgebrochen, da musste der Kalina hier schon in einem feindlichem Umfeld leben: zum Beispiel dicke Limousinen, die trotz Geschwindigkeitsbeschränkung viel zu schnell anbrausten und dann ihre Nase in den Auspuff schoben wie ein neugieriger Rüde oder Überholte, die im Augenwinkel den Aufkleber erspähten und dann auf der Mittelspur Gas gaben, um diese Scharte auszuwetzen.
Nichts unversucht lassen die Mitglieder der oberen Klassen, den immerhin auch rund 180 km/h schnellen Kalina zwischen die Lkw zu treiben, hinein in die Lastwagen fahrende Arbeiterklasse. Da ist man als Kalina-Fahrer schon richtig froh, wenn so eine Autobahn-Tour mal ganz ohne Aggressionen anderer abgeht. Also bleibt man fein unter Seinesgleichen, wagt sich nur selten auf die Mittelspur, erträgt lieber die mitleidigen Blicke derer, die sich früher auch nur in der automobilen Arbeiterklasse aufhalten durften und verzichtet gern darauf, den russischen Bären rauszulassen. (ar/Sm) Letzte Änderung: 05.09.2008
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