Glosse: Wellness am Alex

Das haben sie nun davon, die Berliner. Seit Jahresbeginn wirbt auch die deutsche Hauptstadt mit einer Umweltzone. Zu den Liebenswürdigkeiten - Entschuldigung! - Sehenswürdigkeiten der Metropole rückt das Terrain mit gesiebter Berliner Luft wohl nicht auf, doch immerhin können Berlin-Touristen, die sich bekanntlich sehr für überwundene und neue Grenzen in der Stadt interessieren, mitgebrachte Autos ohne Plakette einfach stehen lassen und das neue Sperrgebiet bequem mit der S-Bahn umrunden.

Auf diese Weise lässt sich ein beeindruckendes Bild davon gewinnen, wie entschlossen großräumig die Hauptstadt den Kampf gegen den Feinstaub aufnimmt, denn das Operationsgebiet wird praktischerweise vom innerstädtischen Schienenkreis umschlossen. So fällt die neue Grenzziehung kaum jemandem auf. Schlecht ist das Versteckspiel allerdings für automobile Plakettenlose, die die Umweltzone bewusst meiden wollen, aber schwerlich erkennen können, wo sie eigentlich beginnt oder endet. Die Sperrschilder gehen im Schilderwald unter.

Eine City auf nahezu unsichtbare Weise einzukesseln, mache Sinn, wird sich der Berliner Senat gesagt haben. Schließlich war das Terrain lange genug zerstückeltes Grenzland, in dem sich Berlin-Touristen einen beschaulichen Berlin-Bummel mit dem Auto meist lustiger vorgestellt hatten. Der kalte Schatten der Mauer verfolgte sie quasi überall. Vorbei! Heute soll Berlin-Touristen das beglückende Gefühl befallen, dass sich die Hauptstadt in rührender Weise um sie kümmert. Und um ihre Autos. Vor allem um solche ohne Umweltplakette.

Wo, bitte, hätte es vordem solche Fürsorge gegeben! "Letztes Parkhaus vor der Umweltzone, 1 Stunde kostenfrei", verkündet ein Transparent in großen Lettern an einer Fußgängerbrücke und verweist auch gleich auf die einzuschlagende Fahrtrichtung. Letztes Parkhaus vor der Umweltzone! So, so. Irgendwie erinnert's an schlimme Zeiten. Verließen doch einst S- und U-Bahnzüge immer mal wieder einen "letzten Bahnhof" in einem der vier Sektoren des geteilten Berlin.

Ein bisschen Nervenkitzel, den ein Aufenthalt in unmittelbarer Grenznähe beschert, kann der Berlin-Tourist heute durchaus wieder haben. Er braucht beispielsweise kurz vor dem empfohlenen Parkhaus nur nicht richtig abzubiegen - schon hat er die Schilder-Warnung vor Augen: "Durchfahrt verboten, Umweltzone!"

Wenigstens wird an der neuen innerstädtischen Berliner Grenze nicht geschossen. Gnade gibt es dennoch nicht. Autos ohne Plakette haben auf der Stelle kehrtzumachen. Auf die Geschäftsidee, genau hier - wenigstens an den Grenzübergängen großer Einfallstraßen in Richtung City - einen amtlichen Plakettenvertrieb für Berlin-Besucher zu installieren, ist noch niemand gekommen. Berlin könnte ein paar Arbeitslose weniger haben.

Immerhin genügte legalen Grenzgängern bislang, überhaupt etwas rundes Buntes an der Autoscheibe zu haben, solange noch alle Plaketten - egal, ob grüne, gelbe oder rote - gültig sind. Rot soll 2009 ungültig sein. Aber vielleicht kann sich der rot-rote Senat von seiner Farbe doch erst später trennen. Wer in einem Auto ganz ohne Plakettenschmuck sitzt, sollte besser den Rückzug antreten. Opferhungrige Berliner Ordnungshüter sind täglich auf der Pirsch, um Grenzverletzer zu stellen, dreiste ebenso wie unwissende. Egal. Diskussion überflüssig.

Natürlich darf jemand der nahe liegenden Überzeugung sein, dass sich der Kampf gegen den Feinstaub sowieso nicht gewinnen lässt, weil die verwünschten Staubpartikel quasi von überall herkommen. Gegebenenfalls sogar aus der Sahara, von lauen Winden aus dem Süden bis an die Spree getragen, wie man längst weiß. Ist aber irgendwie komisch. Feinstaub speiende Dieselautos verkehren in einer Wüste eigentlich eher selten.

Wo sie auch immer herkommen mögen - vermutlich tummeln sich Feinstäube aller Art in der Berliner Luft. Das ist so, war immer so und wird so sein. Nur jetzt hat man einen Sündenbock ausgemacht: Vor allem das Auto sei schuld, heißt es, und schon kommt aus Brüssel Order: Nicht mehr ganz junge Diesel raus aus der Stadt! Und wenn global zur Jagd auf den Feinstaubteufel geblasen wird, hat sich - keine Frage doch - der forschen Jagdgesellschaft auch Deutschlands Musterknaben-Metropole anzuschließen!

Respekt verschaffen soll sich die Regel dadurch, dass selbst ein erwartungsfroh gestimmter, nichts Böses ahnender Autotourist, der die Berliner City ohne Feinstaubplakette an der Frontscheibe stürmt, 40 Euro Bußgeld zu zahlten hat. Die zusätzliche Punktvergabe in der Flensburger Leistungskartei als länger vorhaltende Erinnerung an die Untat setzt allerdings Großes voraus - die deutsche Staatsbürgerschaft. Gut so. Ist damit doch gleich weiterer Anreiz für angestrengte Integrationsbemühungen unserer ausländischen Mitbürger gegeben. Merke: Wer in Flensburg punkten will, muss Deutscher sein.

Binnen sechs Monaten seien rund 16 000 plakettenlose Automobilisten - die Mehrzahl stammte nicht aus Berlin - zur Kasse gebeten worden, teilte die Berliner Senatsverwaltung mit. Angesichts der stattlichen Nebeneinnahmen von 640 000 Euro - hübsche runde Zahl! - wird verzückt zur Kenntnis genommen worden sein, dass sich ins Spiel gebrachter Feinstaub offensichtlich allein durch bloßes Nennen seines Namens in Goldstaub verwandeln lässt. Eingeschüchtert vom einträglichen Abkassieren sieht sich der vermutlich kichernde Feinstaub freilich in keiner Weise. Erst recht nicht durch den Verkauf von rund 1,16 Millionen Plaketten - das Stück für fünf Euro. Allerhand eingebracht hat den Berliner Verwaltern der freche Griff ins Portemonnaie der Pkw-Besitzer.

Jedermann sollte Verständnis für die teure Show haben. Zur Abschreckung eines Feindes kommt es manchmal eben darauf an, einfach etwas zu machen, irgendetwas. Erprobte Kämpfernaturen nennen so was Kriegslist, Scheingefecht, Ablenkungsmanöver. Dieses Handwerk beherrschen auch Politiker. Auf allen Gefechtsebenen.

Sagen wir jetzt einfach mal so: Vielleicht genügt es tatsächlich, den bösen Feinstaub mit Plaketten und Ausnahmegenehmigungen zu verunsichern. Mancher rät, ihn einfach links liegen zu lassen. Dann ziehe er sich von ganz allein zurück. Auch gut.

Genau das aber sollten sich die Berliner nicht wünschen. Falls es aber so weitergeht mit den Feinstaub-Messungen in der Stadt, die nach Angaben der Senatsverwaltung für Umwelt allesamt "geringere Überschreitungen der Grenzwerte" signalisierten, muss Erlösendes passieren: Der Feinstaub scheint in der Plakettenflut zu ertrinken.

Bewahrheitet sich das, wäre Frohlocken fehl am Platze. Einzigartige Luftqualität in Spree-Athen könnte den Berlinern glatt eine neue Überraschung bescheren: Kurtaxe! Würden nach und nach auch noch die erteilten 6.300 Ausnahmegenehmigungen für Dieselfahrzeuge ohne Partikelfilter eingezogen, hätte die Berliner Umweltzone bestimmt alle Chancen, quasi als allererster innerstädtischer Wellness-Bereich sogar dem Weltkulturerbe zugeschlagen zu werden.

Gedeihen könnte ein Wellness-Paradies etwa am Berliner Alexanderplatz - selbstverständlich mit kostenpflichtigem Zugang - gottlob erst dann, wenn aller Feinstaub aus der City verjagt worden ist. Auf Nimmerwiedersehen. Das aber kann in einer turbulenten Weltstadt dauern. Vermutlich ewig. (ar/PS/WR)

(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS Automobilreport) Letzte Änderung: 21.12.2008









Leser dieser News interessierten sich auch für folgende Themen:

Autonews Archiv
Aktuelle Umfrage
Würden Sie auf ein Auto verzichten, wenn Sie könnten?
Kfz-Newsletter
Jede Woche die aktuellen News über neue Autos, Termine und Unterhaltsames aus der Kfz-Branche
Newsletter abonnieren

Sie sind hier: Startseite > Autonews > Archiv > Dezember 2008 > Glosse: Wellness am Alex