Glosse: Wer ist hier der ewig Gestrige?

Wer hätte das vor sechzig Jahre gedacht, dass wir eines Tages - nämlich heute - auf sechs Jahrzehnte Demokratie in Deutschland zurückblicken können. Stolz können wir sein, und vorsichtig müssen wir sein. Die Sonntagsreden von Politikern über den mündigen Bürger, dessen Verantwortungsbewusstsein die Basis der Demokratie und dessen Widerspruchsgeist der Motor der Fortentwicklung unserer Gesellschaft darstellen - diese Sonntagsreden überdauern meist nicht einmal den Wahlsonntag. Danach weiß der Politiker dann rasch wieder viel besser, was das Volk braucht.

Damit das Volk das auch glaubt und gebührend zur Kenntnis nimmt, muss man es erziehen und zur Überprüfung des pädagogischen Erfolgs ab und zu auch einmal zu einem "Gehorsamssprung" zwingen. Das war schon immer: Unser letzter Kaiser hat uns zur Vaterlandsliebe erzogen, später ging's um die Liebe zum Volk und danach um die sozialistische Bruderliebe.

Und wir Heutigen trennen liebevoll den Müll, damit er später in der Müllverbrennung gemeinsam thermisch recycelt (verbrannt) werden kann. Und wir lassen zu, dass unsere Autos auf einmal nicht mehr in unsere Innenstädte fahren dürfen, obwohl sie allen Vorschriften entsprechen und vom Staat für den Verkehr auf allen öffentlichen Straßen zugelassen wurden. Wir tragen es und zahlen, obwohl sich der Feinstaub offenbar bereits im vergangenen Jahr aus dem Staub gemacht hat und die Klimaexperten so langsam den Rückzug vorbereiten und von einer Abkühlung des Klimas sprechen.

Aber manche von uns müssen öfter als andere solche wenig sinnfälligen Gehorsamsprünge hinlegen. Die Bürger von Hannover zählen dazu. Sie dürfen morgen - am Sonntag - nicht mit dem Auto in die Innenstadt, weil die Ratsmehrheit von SPD und Grünen der Meinung ist, man könne das Zentrum auch anders als mit dem Auto erreichen. "Und das kann man auch mal üben", meint Thomas Hermann, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im hannoverschen Rat. Da ist er wieder, der Hang des Politikers zum Besserwissen. Hannover wird deswegen morgen zu einem "Umerziehungslager".

Hannoveraner sind das inzwischen gewohnt. War doch ihre Stadt im vorauseilenden Gehorsam bei den ersten, die die Umweltplakette einführten. Fast das gesamte Stadtgebiet wurde zur Umweltzone erklärt. Auch hier wollte die Koalition aus Rot und Grün ein Zeichen setzen, koste es den Bürger, was es wolle.

Das Ratsmitglied der Grünen. Michael Dette, reihte sich gegenüber der "Hannoverschen Allgemeinen" in die Reihe derer ein, die nicht auf die Idee kommen, dass man ihren pädagogischen Ehrgeiz auch für überheblich oder gar für undemokratisch halten könnte: "Wir freuen uns sehr über den autofreien Sonntag - im Gegensatz zu den ewig Gestrigen."

Gut, ich habe meine Lektion gelernt. Ich besuche meine Enkelin dann eben nächsten Sonntag und kann mich darüber freuen, dass ich die ewig Gestrigen dann nicht mehr treffe. (ar/Sm) Letzte Änderung: 17.05.2008









Leser dieser News interessierten sich auch für folgende Themen:

Autonews Archiv
Aktuelle Umfrage
Würden Sie auf ein Auto verzichten, wenn Sie könnten?
Kfz-Newsletter
Jede Woche die aktuellen News über neue Autos, Termine und Unterhaltsames aus der Kfz-Branche
Newsletter abonnieren

Sie sind hier: Startseite > Autonews > Archiv > Mai 2008 > Glosse: Wer ist hier der ewig Gestrige?