Harmonie in der Höhle des Löwen

Polemik und Provokation bestimmen immer noch die Diskussion um den Kohlendioxidausstoß unserer Autos. Umso mehr darf man zwei bewundern, die sich in dieser emotional aufgeladenen Lage zu einer Diskussion über das Treibhausgas und das Auto bereitfinden. Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, und der Volkswagen-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg trafen sich anlässlich der Vorstellung des Passat Bluemotion zu einer Podiumsdiskussion vor Journalisten, ausgerechnet im Automobil-Forum in Berlin - also in der Hohle des Löwen. Doch wer auf ein Aufeinanderprallen unvereinbarer Positionen gesetzt hatte, sah sich getäuscht. Das Gespräch verlief harmonisch, ohne in unverbindlichen Freundlichkeiten zu versanden.

Renate Künast ließ keinen Zweifel daran, wie sie den Weg zum Auto der Zukunft sieht. Sie forderte klare Regeln und Grenzwerte sowie ein einfaches System der Kennzeichnung, damit der Käufer in den einzelnen Fahrzeugkategorien die besten seiner Klasse finden kann. Außerdem müsse die Kraftfahrzeugsteuern ökologisiert werden. Ein Modell für eine CO2-Steuer nannte Künast nicht, verlangte aber, man müsse "gnadenlos" bei allen Autos Verbrauch und Abgas reduzieren. Ab 200 Gramm CO2 pro Kilometer sollten die Fahrer von Neuwagen "ordentlich Steuer bezahlen". Für 2012 werden die Grünen einen CO2-Grenzwert von 120 g/km und für 2020 auf 80 g/km fordern. "Dann haben die Techniker klare Ziele". Wessen Auto unter diesen Grenzen bleibe, der solle weniger Steuern bezahlen. "Es soll sich richtig lohnen", beim Auto eine ökologische Wahl zu treffen, forderte Künast.

Die Kommunikation der Automobilindustrie in der CO2-Diskussion nahm Künast aufs Korn. Sie nannte das Verhalten der Lobbyisten bei der Diskussion um die vereinbarten Werte für den Zeitraum bis 2008 negativ. "Wir befinden uns doch bereits in einem ganz anderen Stadium der Diskussion", meinte sie mit Hinweis darauf, dass Deutschland in allen Aspekten des Autobaus eine Spitzenrolle übernehmen müsse. Und: "Tue Gutes und rede darüber."

Nicht nur in der Bewertung der Kommunikation der Industrie in der Vergangenheit deckten sich die Ansichten der Grünen offenbar mit denen des VW-Vorstands Hackenberg. Der verwies dann gleich zu Beginn genüsslich darauf, dass der Polo Bluemotion inzwischen ausverkauft sei. Rund acht Prozent aller Polo-Käufer entscheiden sich zur Zeit für dieses verbrauchsoptimierte Modell.

Einig waren sich die beiden auch, dass es keinen Königsweg zum umweltverträglichen Antrieb geben wird. Hackenberg erwartet regional unterschiedliche Entwicklungen, je nachdem, welcher Rohstoff-Mix in der jeweiligen Region zur Verfügung steht. Zum Beispiel China habe kein Erdöl, aber Kohle. Deswegen vermutet der VW-Vorstand dort langfristig einen Rückgriff auf die Kohleverflüssigung, während er in Agarländern mehr die Hinwendung zu Sunfuel oder Synfuel erwartet, die aus Pflanzen und Pflanzenbestandteilen oder Erdgas hergestellt werden.

Von sich selbst berichtet Hackenberg, er habe das Kraftstoff sparende Fahren zu seinem persönlichen Hobby gemacht: "Tanken ist immer ein emotionales Erlebnis". Seine Ehefrau brauche immer ein bis zwei Liter mehr auf 100 Kilometer. Deswegen sei die Idee entstanden, eine Anzeige zu entwickeln, die den Zeitpunkt zum Hochschalten zeige.

Künast forderte, die Senkung des Kraftstoffverbrauchs durch Leichtbau dürfe in keinem Fall zu einer Absenkung des Sicherheitsniveaus deutscher Fahrzeuge führen. Hier seien die deutschen Hersteller führend und sollten es bleiben. Auch darin waren sich beide Diskutaten einig. (ar/Sm) Letzte Änderung: 24.04.2007









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