Helmut Hähn: Ein Leben für Alfa Romeo
Hier schildert der namhafte Motorsport-Journalist Rainer Braun seine Erlebnisse mit dem charismatischen Alfa Romeo Händler Helmut Hähn und zeichnet ein liebevolles Portrait eines echten Motorsportlers und großen Freundes der Marke Alfa Romeo:
"Der Alfa Romeo-Betrieb von Helmut Hähn (77) in Mannheim war in den 60er Jahren Ausgangspunkt für so manche große Rennfahrer-Karriere. PS-Stars wie Gerd Schüler, Jochen Mass oder Harald Ertl fuhren im Hähn-Alfa ihre ersten Siege ein. Jetzt gibt der treue Alfa Romeo Händler zumindest den Verkaufsbetrieb Ende Juni auf und vollzieht damit einen vorsichtigen Schritt in Richtung (Un-)Ruhestand. Bis es aber wirklich soweit ist, kann bei ihm noch dauern. Denn vorerst will Meister Hähn in seiner legendären Werkstatt der langjährigen Alfa-Kundschaft "noch solange zur Verfügung stehen, wie der liebe Gott das zulässt".
Er ist nicht nur Deutschlands ältester noch aktiver Alfa Romeo-Händler, sondern auch Ziehvater für so manches Rennfahrer-Talent. Seine berühmtesten und auch erfolgreichsten Zöglinge heißen Gerd Schüler, Jochen Mass und Harald Ertl, deren Auftritte in den Alfa Romeo-Renntourenwagen des waschechten Mannheimers ein gutes Stück deutscher Motorsport-Geschichte darstellen. Alle drei gehörten zu jener wilden Mannheimer Clique der 60er Jahre, die das Bergrennen Eberbach plus alle Hockenheim-Events ihres örtlichen Motorsportclubs "MHSTC" quasi vor der Haustür zu ihrem ganz persönlichen Vollgas-Happening gemacht haben. Und immer mittendrin, bewaffnet mit Schraubenschlüssel und sonstigem Handwerkszeug, der ölverschmierte Chef im blauen Monteurs-Kittel. Denn auf eines legt der Mann besonders großen Wert: "Die Rennautos für meine Fahrer habe ich immer selbst präpariert und an der Rennstrecke betreut." Schon damals lobte der für den Motorsport verantwortliche Alfa Romeo-Deutschland-Direktor Dr. Giancarlo de Bona: "Die Autos von Hähn sind schnell, zuverlässig und eine echte Werbung für uns."
Den Anfang der Hähn-Erfolgsstory machte Gerd Schüler, der die Giulia Super TI und den GTA aus dem Mannheimer Rennstall regelmäßig zu Klassensiegen trieb. Ob Berg oder Rundstrecke - Schüler war immer ein Siegkandidat. Der Mechaniker, den Hähn dem jungen Himmelsstürmer Schüler zur Seite stellte, hieß Jochen Mass. Dessen vorrangiges Interesse galt allerdings weniger den Aufgaben eines Renn-Monteurs. Vielmehr wollte der Ex-Seemann möglichst schnell selbst ans Steuer und zeigen, was er kann. Mass nervte seinen Chef so lange, bis er tatsächlich ans Lenkrad durfte. Zum Einstand lieferte der junge Mann dann gleich mal einen Totalschaden ab. Doch auch Mass mauserte sich ziemlich schnell zum Siegfahrer und erfreute seinen motorsportlichen Ziehvater alsbald mit ordentlichen Leistungen.
Schließlich stieß auch der unvergessene Harald Ertl (der 1981 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam) zur Hähn-Truppe. Keiner konnte den 2 Liter Alfa GTAM so brutal um die Ecken wuchten wie der wilde Formel V-Pilot aus Mannheim. Noch heute gerät Hähn ins Schwärmen, wenn er an sein Fahrer-Trio von damals denkt: "Der Schüler fuhr rund und abgeklärt, der Mass wild und risikoreich - und der Ertl war ein Wahnsinniger. Mit den Burschen habe ich die schönste Zeit im Rennsport erlebt."
Auf rund 120 Einzelsiege kann der Alfa-Teamchef zurückblicken, dazu bescherte ihm Schüler einen Berg-Titel und der Münchner Reinhard Stenzel eine Vize-Meisterschaft. Dabei hat Hähn die Rennerei immer nur nebenbei betrieben, an den Autos wurde vorzugsweise nach Feierabend geschraubt. Tagsüber war der ganz normale Kunde König. Oft und gerne zwängte sich der Chef auch mal selbst hinters Lenkrad seiner Rennautos, aber um ehrlich zu sein - als Tuner und Techniker machte er eine deutlich bessere Figur.
Ganz überraschend tauchte der alte Herr 2002 wieder an den Rennstrecken auf. Er hatte sich überreden lassen, nach fast 30 Jahren Rennpause ein Auto im damals neuen Alfa 147 Diesel-Cup einzusetzen. Aber er schlenderte wie ein Fremder durch die Fahrerlager. "Das ist wohl doch nicht mehr meine Welt", stellte Helmut Hähn ernüchtert fest, "alles ist so ernst, so hektisch und so unpersönlich." Einzig das Alfa Romeo-Gästezelt ließ ihn strahlen: "Hier triffst du wenigstens den einen oder anderen alten Freund und kriegst auch noch was Gescheites zu essen und zu trinken."
Noch immer steht das Mannheimer Original mit seinen fast 78 Jahren "von 8 bis 8" in der Werkstatt, die seit 1959 für ihn mittlerweile fast zum zweiten Wohnzimmer geworden ist. Hier repariert und restauriert er seit einem halben Jahrhundert mit Hingabe vor allem historische Fahrzeuge "seiner" Marke Alfa Romeo. Aber gerade der alten und treuen Kundschaft wegen, die mit GTV, Giulietta, Giulia, GTA, Sprint und Spider regelmäßig zur Wartung einrückt, mag Hähn seine Werkstatt-Präsenz noch nicht ganz aufgeben. "Ich kann doch meine Oldtimer-Leute nicht im Stich lassen."
Nach wie vor absolviert er persönlich erst mal eine Probefahrt, bevor die Autos nach erfolgter Reparatur wieder an die Besitzer ausgehändigt werden. Nur wenn es keine Beanstandungen gibt, gilt der Auftrag nach den strengen Spielregeln des Chefs als erledigt. Schließlich hat er ja auch einen Ruf zu verlieren, "denn wenn man für eine so spezielle Marke wie Alfa Romeo arbeitet, kann man doch keine schlampige Arbeit abliefern." So nebenbei verweist Helmut Hähn noch auf einen wichtigen Termin, der demnächst ansteht: Die Handwerkskammer wird ihn im Rahmen einer Feierstunde für seine 50 Berufsjahre als Kfz-Meister mit dem "Goldenen Meisterbrief" auszeichnen.
"Ohne meine beiden Mädels", stellt Hähn ausdrücklich klar, "hätte ich das alles nicht solange durchgehalten." Seine beiden Mädels - das sind Ehefrau Ilse und Tochter Elke. Ilse ist seit fast 60 Jahren an der Seite des Mannheimer Alfa-Statthalters und kümmert sich als Finanzministerin ums Rechnungswesen und die Buchhaltung. Elke (55) ist ebenfalls in das Geschäft eingebunden. Die zwei Enkelkinder (22, 19), so hoffen die Großeltern, werden vielleicht irgendwann mal den gesunden Familienbetrieb übernehmen und weiterführen. Besonders stolz ist der Patron darauf, dass er noch nie Schulden machen musste und immer das Motto beherzigt hat: "Ich kann mir nur das leisten, was ich auch sofort bezahlen kann."
Sport, Fitness, Urlaub und Krankheit waren für Helmut Hähn zeitlebens Fremdworte. Seit kurzem allerdings weiß er zumindest, was eine Lungenentzündung ist. Die schwere Infektion hat ihn mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt und tatsächlich zur Bettruhe gezwungen. Dass es nun ausgerechnet ihn mal erwischt hat, mag er natürlich überhaupt nicht begreifen, "denn so was hatte ich ja noch nie".
Inzwischen ist der große Meister wieder fit, steckt seinen Kopf unter die Hauben der greifbaren Alfa Romeo und sucht im geordneten Chaos seiner Werkstatt nach passenden Teilen und Schrauben. Wer aber auf die Idee kommen sollte, ihn nach etwaigen Hobbys zu fragen, erntet bestenfalls ein mitleidiges Lächeln. Denn Hähns Hobbys bestehen seit 50 Jahren durchgängig aus den drei großen A - "Alfa, Autos, Arbeit."
Dass sich daran etwas ändert, ist auch nach dem Wegfall des offiziellen Händlerstatus nicht zu erwarten."
Das gesamte Team von Alfa Romeo Deutschland bedankt sich bei Helmut Hähn und seiner Familie für die langjährige gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir wünschen "Papa" Hähn alles erdenklich Gute für die Zukunft und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.
Letzte Änderung: 09.07.2009Leser dieser News interessierten sich auch für folgende Themen:
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