Hintergrund: 100 Jahre "Automobilrevue"

Zeitung zu gründen ist bis heute ein Wagnis geblieben. Ob die Rechnung mit einer angenommenen Zahl geneigter Leser aufgeht, weiß schließlich niemand. Dem Gründer der schweizerischen "Automobil Revue" muss man wohl neben einer gehörigen Portion Mut die felsenfeste Überzeugung unterstellen, dass das Blatt seinen interessierten Leserkreis bestimmt finden würde. Damals, 1906, in ihrem Gründungsjahr, so bemerkt die Zeitung heute, habe es in der gesamten Schweiz kaum 1.000 Motorfahrzeuge gegeben. Außerdem sei es durchaus nicht so gewesen, dass dem ungewöhnlichen Vehikel die ungeteilte Sympathie der Menschen gehört habe.

Die "pferdelosen Kutschen" seien gar "heftigsten Anfeindungen" ausgesetzt gewesen, resümiert die "AR" heute in einem Rückblick Gründer Otto Richard Wagner hatte in der allerersten Ausgabe geschrieben: "Unsere 'Automobil Revue' soll nun die Zeitung sein, welche mit aller Entschiedenheit die Interessen des schweizerischen Automobilismus wahrnimmt." Wer das heute liest - die Schweiz im Blick - , der wundert sich über so viel automobilistischen Enthusiasmus, sieht man in den Eidgenossen ja alles andere als Pioniere des europäischen Automobilbaus.

Vor 100 Jahren war das anders. "Sehr wohl" seien noch bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts "Personenwagen unterschiedlichster Schattierungen entstanden", rückt die Jubiläumsausgabe der "Automobil Revue" das schiefe Bild gerade. Genf, immerhin schon seit 1905 den "Salon international de l'automobile" ausrichtend, galt einst als Hochburg der schweizerischen Automobilentwicklung und -produktion. Bis 1910 waren allein in der Stadt am See nicht weniger als sieben Automarken gegründet worden, beispielsweise Dufaux, CIEM-Stella, Sigma und das Unternehmen Pic-Pic, dessen exklusive Autos alsbald den Ruf genossen, die schweizerischen Rolls-Royce zu sein.

Den Ehrgeiz, als Schnellster bestaunt zu werden, gab es auch schon. Der monströse Rennwagen der Gebrüder Dufaux schaffte mit acht Zylindern aus 12 Liter Hubraum im Jahr 1905 einen neuen Weltrekord: 156,5 km/h. Auch in Zürich und in der Region Neuenburg machte der Automobilbau von sich reden. Länger wetteiferten Dampf-, Verbrennungs- und Elektromotor miteinander. Im "Voiture mixte" wurde sogar ein Hybridantrieb versucht - die Kopplung zweier hintereinander angeordneter Verbrennungsmotoren mit einem Elektromotor.

Montagewerke für Pkws verschiedener Marken hat es in der Schweiz ebenfalls gegeben. Bis 1975 entstanden etwa bei General Motors in Biel in größerem Umfang noch Opel-Modelle. Inzwischen beschränken sich schweizerische Unternehmen auf die Rolle als Zulieferer für Kfz-Teile. Aber es gibt ja eben den Genfer Salon, der alljährlich auf sehr überzeugende Weise demonstriert, welch hohen Stellenwert individuelle Automobilität auch bei den Schweizern hat. Besondere Aufmerksamkeit dürfte in den Tagen des 76. Internationalen Automobilsalons dem Messestand der "Automobil Revue" geschenkt werden. Die Jubiläumsausgabe vom 25. Januar 2006 mit der roten 100 auf dem Titel ist hoffentlich in so hoher Auflage gedruckt worden, dass sie der Nachfrage standhält. Herzlichen Glückwunsch zum 100sten! (ar(PS/WR)

(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 03.02.2007









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