Hintergrund: Kia bekommt Kontur

Freiräume, die die globalisierte Welt eröffnet, haben es in sich. Sie lassen gedeihliche Zusammenarbeit über Kontinente hinweg zu, erlauben aber eben auch Wanderbewegungen kreativer Ideen, deren Konsequenzen sich erst später zeigen. Der Wechsel von Automobildesignern zu einer anderen Marke ist mehr als eine persönliche Entscheidung. Mit ihm vollzieht sich möglicherweise entscheidender Markenwandel. jüngstes Beispiel: Kia.


Global dimensioniertes Denken und Handeln beschert immer wieder auch Probleme entsprechender Größenordnung. Anschauungsunterricht dafür gibt's reichlich. Plötzlich fällt auf (als ob das eine Überraschung wäre!), dass das eine oder andere Joint Venture traditioneller Automobilmarken etwa mit chinesischen Firmen auf "partnerschaftliches" Abgucken wertvollen Know-hows hinausläuft. Und dabei bekommt meist auch das Image des Ideengebers ein paar Kratzer ab.

Kaum grundsätzlich anders liegen die Dinge dann, wenn namhafte Automobildesigner auf der Suche nach neuen Herausforderungen bei der Konkurrenz andocken. Mag es bei anstehendem Arbeitsplatzwechsel auch Fristen und Sperren geben - als Neutrum startet niemand neu. Kein Manager und auch kein Designer. Neben dem eigenen Können wird immer auch erlangte Kenntnis mitgenommen. Persönliche "Festplatten" im Kopf lassen sich nicht löschen.

Das zeigt sich auch nach fliegenden Arbeitsplatzwechseln von Automobildesignern, die zwar nicht gerade an der Tagesordnung, aber auch keine Seltenheit sind. Beispiel Peter Schreyer. Es ist nicht möglich, dass einer, der sehr erfolgreichen Autos des VW-Konzerns - Golf V, Audi TT, VW Eos beispielsweise - Gestalt gab, nun in Kia-Diensten all seine bisherigen gestalterischen Empfindungen tilgt. Einen "Mitnahmeeffekt" gibt es ganz zwangsläufig. Schlecht trifft es sich gewiss nicht, dass Kias Auftrag - vermutlich gut dotiert - umzusetzen ist, das Design kommender Pkw-Modelle der koreanischen Marke den Erwartungen europäischer Autokäufer anzupassen. Die Rede ist gar davon, eine "konsistente Formensprache" solle dem gesamten Unternehmen zu neuer Identität verhelfen. Und nicht zuletzt geht es um ein Erscheinungsbild der Kia-Modelle, das sich vom Auftritt der technisch verwandten Autos mit Hyundai-Markenzeichen deutlich abheben soll.

Entschlossen wurde der Aufbruch in ein neues Kia-Zeitalter gestartet. Erkennen lässt dies das neue Kia-Werk im slowakischen Zilina und dessen erstes "europäisches Produkt", der Cee'd. Dem Kompaktmodell zollt die europäische Fachpresse außerordentliches Lob. Fazit: Kia bekommt Kontur. Dafür sollen auch Fertigungsqualität und Produktivität des ersten europäischen Kia-Werks sorgen. Die Planung sieht ab 2009 den Bau von jährlich 300.000 Fahrzeugen vor. Wie wichtig den Koreanern europäischer Einfluss ist, unterstreicht auch die stattliche neue Europa-Repräsentanz der Marke in der Main-Metropole.

Es sieht ganz so aus, als könne Kia - immerhin erst seit 1993 auch als Autoexporteur aktiv - den erstaunlichen Erfolg der letzten Jahre auch in Deutschland verstärkt fortsetzen. Großen Anteil am Enthusiasmus, der die koreanische Automarke gepackt hat und sie weiter nach vorn bringen soll, dürfte der deutsche Designer haben, der einst den Auftritt von Audi- und VW-Modellen maßgeblich prägte. Die Zielrichtung ist klar. "Dauer-Discount" könne nicht überleben, bemerkte Peter Schreyer in einem Interview mit der schweizerischen "Automobil Revue". Eine gewisse Begehrlichkeit solle schon da sein, um den Kaufanreiz zu erhöhen. Nur wer billig einkaufe, brauche kein Design.

Bewahrheiten wird sich immer wieder: Zuerst muss ein Auto gefallen, will es sich als Objekt der Begierde qualifizieren. Schreyer weiß das. Kia inzwischen auch. (ar/PS/WR)

(Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport) Letzte Änderung: 24.02.2008









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