Hintergrund: Licht am Ende des Tunnels für US-Autoindustrie
Neue GM-Mitarbeiter, die nicht direkt mit der Produktion von Autos beschäftigt sind, erhalten statt des bisherigen Basisstundenlohns von 28 nur noch 14 bis 16 US-Dollar. Im Gegenzug wird GM nicht, wie angekündigt, 16 Fabriken in den USA schließen und gibt für diese eine Bestandsgarantie bis 2011.
Ein Übereinkommen, das vordergründig nur eine Verlierergruppe sieht: die Mitarbeiter des (noch) weltweit größten Automobilherstellers. Was aber beileibe nicht stimmt, denn ohne die Korrektur des in den USA in besseren wirtschaftlichen Zeiten eingeschlagenen Weges des Welfare Capitalism (Wohlfahrtskapitalismus) mit großzügigen Betriebsrenten und Zuzahlungen zur dort freiwilligen Krankenversicherung könnte die amerikanische Autoindustrie - und damit ist nicht nur GM, sondern sind auch Ford und Chrysler sowie alle Zulieferer gemeint - in wenigen Jahren vor der endgültigen Pleite stehen und Hunderttausende würden ihren Job verlieren. Nicht nur Delphi und Visteon lassen grüßen.
Doch zurück zu GM, zumal sich in den nächsten Wochen Ford und Chrysler wohl in ähnlicher Weise mit UAW-Boss Ron Gettelfinger auf eine neue Tarifvereinbarung einigen werden. Belastet mit Gesundheits- und Pensionsverpflichtungen von knapp 55 Milliarden US-Dollar und damit jährlichen Ausgaben von rund drei Milliarden US-Dollar, war und ist der Branchenführer gegenüber den in den USA gewerkschaftlich nicht organisierten Unternehmen wie Toyota und Co. nicht wettbewerbsfähig.
Zahlen die US-Hersteller ihren Beschäftigten heute Löhne und Sozialleistungen von mehr als 70 US-Dollar die Stunde, wird die asiatische Konkurrenz mit rund 30 US-Dollar weniger belastet. Auf jedes Auto runtergerechnet, bedeutet dies einen finanziellen Nachteil von etwa 2.500 US-Dollar. Eine untragbare Situation, die sich angesichts der weiterhin drastisch steigenden Beiträge zur Krankenversicherung in Zukunft noch verschlimmert hätte.
Das war und ist natürlich auch UAW-Boss Gettelfinger bewusst, der seinen Gewerkschaftsmitgliedern vor deren endgültiger Zustimmung zu dem ausgehandelten Kompromiss am 10. Oktober auch noch klarmachen muss, dass die "Voluntary Employess Beneficiary Healthcare Association" (VEBA) künftig ihre Zahlungen reduzieren wird und dennoch der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach ist. Also hat er gegen die unvermeidlichen Kürzungen bei den Gesundheitskostenzahlungen voll auf die Karte der Arbeitsplatzsicherung gesetzt und sich auch durchgesetzt. Bei General Motors werden nur zwei der 18 bereits angekündigten Werksschließungen realisiert, bei Ford und Chrysler dürften demnächst ähnliche Ergebnisse zu vermelden sein.
Allerdings ist die Befristung der Bestandsgarantie bis 2011 für die 16 "verschonten" Werke sowohl für die Arbeitnehmer als auch Gewerkschaft kein sanftes Ruhekissen, da sowohl GM als auch Ford gegenwärtig neue Kapazitäten in Osteuropa und Asien aufbauen, die den Fabrikationsstandort USA auch in Zukunft weiterhin infrage stellen werden.
Mit der Auslagerung der Gesundheitskosten-Belastung, den neuen, erheblich niedrigeren Löhnen - bei GM gehen in den nächsten fünf Jahren rund zwei Drittel der Bandbelegschaft in Rente - und nochmals aufgelegten Abfindungsprogrammen dürfte zwar so die Kostenstruktur durch den neuen Tarifabschluss bald wieder wettbewerbsfähig werden, doch das Fragezeichen bei der hoffentlichen Genesung der amerikanischen Autoindustrie bleibt: Sind auch die Produkte weltweit wettbewerbsfähig? Und in diesem Punkt ist das Fragezeichen weiterhin sehr groß. (ar/PS/hhg)
www.automobilreport.com Letzte Änderung: 06.10.2007
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