Kommentar: Amerika lässt die Muskeln spielen
Die Automobilindustrie ist nach wie vor auf der Suche nach ihrer Bedeutung von gestern. Auch fürs kommende Jahr sehen die Experten einen Rückgang des Absatzes in den USA um rund drei Prozent. Und General Motors (GM) - traditionell der größte Automobilhersteller der Welt - lebt mit der Gefahr, im kommenden Jahr hinter Toyota auf Platz zwei abzurutschen. GM wehrt sich mit einer dreifachen Strategie: Preisnachlässe, die Entdeckung der Qualität und das Besinnen auf alte Werte, zum Beispiel auf das gute alte amerikanische Muscle Car.
Aber mit der Besinnung auf die pure Kraft in Macho-Blech steht GM nicht allein. Da mag keiner hinten anstehen, nachdem der Dodge Charger im Look der 70-ger Jahre im vergangenen Jahr schon so einen großen Erfolg bei Medien und Publikum vorgelegt hatte. Auch GM hatte damals schon die Ikone Camaro wieder aufleben lassen. Dieses Jahr wird nun das Camaro Cabriolet - oder besser: der Camaro Roadster? - nachgeschoben und gleichzeitig der Produktionsbeginn für das erste Quartal 2008 angekündigt. Man macht ernst.
Einen Schritt weiter geht Ford mit einer auf den kriegerischen Namen Interceptor hörenden Studie für die alten Mustang-Liebhaber, die mittlerweile Frau und Kinder transportieren müssen. Ihnen gibt man ein Auto mit einer brachialen Schnauze, Riesenrädern, einer schier endlosen Motorhaube und einem Passagierabteil, das bestenfalls den Namen "Beule" verdient hat. Doch hinter den Sehschlitzen verbirgt sich ein großer Innenraum und unter der Haube ein Achtzylinder mit 400 PS. Selbst der sonst so vornehme Ford Lincoln folgt offenbar in Zukunft dieser Linie mit stumpfem, rundem. bedrohlichem Bug, langer Motorhaube, hoher Seitenlinie, weit hinten liegender Kabine und einem Design, dass eine Geschichte vom starken Mann erzählt.
Aber es gibt sie noch, die netten Familienautos wie den nur in den USA angebotenen Ford Focus oder die braven Vans aus dem Hause Chrysler, die einst die Van-Aera eröffneten. Doch prägender als diese rational begründbaren Vehikel sind in Detroit immer noch die eher irrationalen. Da wird ein sogenannter Light truck abgeboten, der drei Tonnen Zuladung in der Kabine und auf der Pritsche tragen und zwölf Tonnen ziehen darf. Doch ist der nicht etwa fürs Speditionsgewerbe vorgesehen, sondern schlicht ein Superlativ, der den privaten Käufer für sich begeistern soll. Ford will eben bei Light trucks um seine Marktstellung kämpfen, ob der Tundra von Toyota nun komme oder nicht.
Doch dieses ist nur die eine Seite der Jubiläums-Messe in Detroit. Denn die Vernunft kommt nicht nur bei den Familien-Vans zu ungewohnter Aufmerksamkeit. Auch Ford beteiligt sind am sogenannten Downzising, wenn auch von einem hohen Niveau kommend. Das Unternehmen preist jetzt als für einen Achtzylindern einen Sechszylinder mit doppelter Turboaufladung an. Das sei "Twinpower" mit der Kraft des Achtzylinders für den Verbrauch eines Sechszylinders. Das und ähnliches kennen wir schon aus Europa und aus Japan.
Für Detroit wirklich überraschend sind aber Stichworte wie "alternative Antriebe" samt "alternativen Kraftstoffen" oder "Clean Diesel". Neben all dem Sehnen nach den alten Zeiten spielt wohl doch zunehmend auch die Einsicht in höhere Werte und letztlich der Blick aufs eigene Konto eine Rolle. Auch Amerika kann sich nicht mehr alles leisten. (ar/Sm) Letzte Änderung: 08.01.2007
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