Kommentar: Die Zeiten ändern sich viel schneller als gedacht
So ein rascher Umschwung hat viele in der Industrie überrascht, und das Publikum lauscht verwirrt. War nicht alles zu teuer, zu schwer und zu unzuverlässig gewesen? Das war einmal. Selbst Dr. Karl-Thomas Neumann, Vorstand der Continental AG, äußerte beim Automobil Forum Stuttgart der Fachzeitschrift "Automobil Produktion" jetzt seine freudige Überraschung, dass nun alles doch viel schneller geschehen könnte, als es selbst Optimisten vor ein paar Monaten noch gesehen haben.
Mercedes-Benz wird im kommenden Jahr seinen S-Klasse-Hybrid mit einer Lithiumionen-Batterie ausrüsten, deren Zellen von Johnson Controls bei Continental mit viel Elektronik für Daimler zur Batterie komplettiert werden. Neumann sieht in der Tatsache, dass nun die Europäer - und besonders die Deutschen - mit dem weltweit ersten Einbau einer Lithiumionen-Batterie die Japaner überholt haben, die Chance, beim Elektroantrieb jetzt die Nase vorn zu behalten.
Mit der Lithium-Technologie werden nun auch rein batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge möglich. Aber auch für alle anderen Systeme ist diese Speichertechnologie ein wesentlicher Baustein. Alle Arten der Hybridantriebe vom Start-Stopp-System bis hin zum Plug-in-Fahrzeug haben den Nutzen von der größeren Speicherkapazität. Aber auch die Brennstoffzelle braucht einen solchen Speicher, und erst recht das Batterieauto.
Auf einmal bietet sich den Herstellern ein ganzer Strauß an Antriebskonzepten, mit dem sie jeden Bedarf bedienen und selbst strengste Vorschriften erfüllen können. Pessimisten mögen einwenden, solange der Strom nicht im Fahrzeug produziert werde, verlagere man das Problem nur vom Auto aufs Kraftwerk. Doch es ist viel einfacher und viel billiger ein Kraftwerk zu säubern als viele tausend Autos.
Dennoch bleibt beim Plug-in-Hybrid, wie beim rein batterieelektrisch betriebenen Fahrzeug, das Problem mit der Steckdose. Wo kommt der Strom her? Wind und Sonne allein werden das nicht schaffen. Und so mischt sich mit der Euphorie der Techniker die Einsicht, dass man Sonne, Wind und klassische Kraftwerke braucht, aber wohl auch Kernenergie. Daran kann auch der Wasserstoff nichts ändern, denn der wird heute noch vorwiegend aus oder mit Hilfe von Erdöl gewonnen. Es spricht also wohl nicht gerade für den Realitätssinn, angesichts eines Elektroantrieb-Booms nun vom konfliktfreien Strom zu träumen. (ar/Sm) Letzte Änderung: 28.05.2008
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