Kommentar: Ein Traumberuf
Selbst in solchen Luxusumgebungen wie in Paris kann dieser Job aber ganz schnell vom Traum zum Albtraum geraten, nämlich dann, wenn man seinen Beruf ernst nimmt und aktuell berichten will. Da erweist sich die Grande Nation schnell als Wüste de la Communicationstechnologie. Ein paar hundert Journalisten bringen das Leitungsniveau wieder auf ein Niveau, wie wir es noch aus der Zeit kennen, als das Netz laufen lernte.
Texte nach Hause senden - der Zeitaufwand ließ sich noch ertragen. Aber Bilderübertragungen raubten einem den Nerv. Die Rechner drohten mit unendlich langen Übertragungszeiten, die so manchen Kollegen in die Selbstzweifel getrieben haben. Versager sind alle, die es nicht schaffen, ihre Redaktionen schnell zu beliefern.
Welche Heimatredaktion glaubt schon, dass die Übertragungsrate auf alte 16-Kilobit-Zeiten abgesunken ist? Die vermuten doch alle, man habe den Besuch im guten Restaurant vorgezogen hat und sich bereits auf die Piste vorbereitet. Dabei sind es nicht die Journalisten, die hier versagen. Es ist der Messeveranstalter dieser so genannten Weltausstellung, die morgen eröffnet wird und noch bis zu Sonntag, 15. Oktober dauert.
Der Franzose, allemal dann, wenn er sich zu den Parisern zählt, kennt keinen Zweifel an der Qualität seines Angebots, sei es nun Champagner, Wein, Käse oder Messen. Er ist sich sicher, dass eine Ausstellung in Paris ein Selbstläufer ist, dessen Zukunft man nicht durch ein offenes, gut bestelltes Haus für Journalisten unterstützen muss.
Für die Medien richtete die Weltausstellung einen Arbeitsraum im Obergeschoss eines Behelfsbaus ein: geschätzte 120 Quadratmeter für 150 Journalisten und ihre 150 Rechner bei Raumtemperaturen, die morgens um 10.00 Uhr schon die 35 Grad überschritten hatten. Gut das kaum einer rauchte. Auch so schon zeigten viele bereits am Morgen die Blässe und den Schweiß auf der Stirn, die der Ohnmacht vorangehen.
Journalisten kämpfen eben für ihren Job bis zum Umfallen, egal für welches Ressort sie arbeiten. Auch wenn einem im Hinterkopf immer wieder das "Hochmut kommt vor dem Fall" herumspukt - der Leser, Hörer, Zuschauer darf nicht darunter leiden, dass die offiziell angebotenen Arbeitsbedingungen selbst für eine Provinzmesse unzumutbar wären.
Offenbar können sich auch die Hersteller nicht gegen den Veranstalter durchsetzen. Deswegen machen viele aus der Not eine Tugend und bieten auf ihren Ständen Arbeitsplätze an - in erträglicher Luft und oft mit mehr als einem Kaffeeautomaten im Hintergrund. Das versöhnt die paar Privilegierten, die einen davon ergattern. Die anderen träumen weiterhin vom Besuch im guten Restaurant und der Piste, wenn sie abends im Hotel oder im Internet-Café ihre Daten in die Heimat schicken.
Und es ist doch ein Traumberuf. (ar/Sm) Letzte Änderung: 29.09.2006
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