Kommentar: Gehorsamssprünge für die Umwelt
Einer seiner Vorgänger im Amte, CDU-Umweltminister Prof. Klaus Töpfer, hatte schon vor zwei Jahrzehnten eine ähnliche Weisheit zur Rolle des Boulevards zur Hand. Er sprach von Symbolthemen, bei denen es darum gehe, dass sie die Öffentlichkeit versteht, selbst wenn sie umweltpolitisch nahezu ohne Bedeutung sind. Gabriel bot im NDR gleich zwei Symbolthemen an: das Auto und die Glühlampe, die auf einmal in den Medien entlarvend volksnah "Glühbirne" genannt wird, allen Bemühungen der Journalistenausbildung um exakte Sprache zum Trotz.
Das Verbot der Glühlampe in Australien soll den nationalen Energiebedarf um nicht mehr als 0,3 Prozent verringern können. Es hat also keinen sachlichen Hintergrund, wohl aber einen pädagogischen. Denn die Australier lernen bei dieser Gelegenheit, dass sie etwas gegen zu hohen Energieverbrauch unternehmen müssen und bekommen gleichzeitig das Gefühl, einen Beitrag geleistet zu haben.
Das ist vergleichbar mit unserem Verhalten bei der Mülltrennung, bei der der sorgsam getrennte Müll dann in der Müllverbrennung wieder zusammengeschüttet und dem "thermischen Recycling" zugeführt wird. Jürgen Trittin, ein anderer Umweltminister, nannte die Mülltrennung dennoch sinnvoll, weil der Bürger dadurch etwas gelernt habe.
Beim Auto erleben wir zur Zeit auf zwei Ebenen ähnliche Prinzipien. Wir fördern den Rußfilter und erwerben jetzt Plaketten für das Befahren von geschützten Zonen in Innenstädten. Doch das Einhalten des aktuellen Abgasstandards Euro4 reicht auch bei Dieseln ohne Filter für die freie Zufahrt. Wieder hat der Bürger beim Plakettenkauf einen Gehorsamssprung zu leisten, der der Umwelt nur verschwindend wenig bringt.
Die zweite Ebene ist die aktuelle Diskussion um Kohlendioxid aus deutschen Motoren. Wie der Australier bei der Glühlampe soll der Deutsche nun beim Auto lernen, dass es ernst ist und dass er seinen Beitrag zu leisten hat. Diese Botschaft fällt auf dem Boulevard auf fruchtbaren Boden, denn der Schuldige ist klar ausgemacht: die Industrie, die mal wieder den Zug der Zeit verpasst hat.
Schlechte Nachrichten sind eben gerade in der Umweltpolitik gute Nachrichten, wenn sie das Verhalten der Bürger ändern. In einer Welt, die sich von Fakten leiten lässt, müssten die Politiker die deutsche Automobilindustrie loben, weil sie sich als Weltmeister bei der Reduzierung des Treibhausgases Kohlendioxid profiliert hat. Aber das wäre ja eine gute Botschaft ohne pädagogischen Wert. (ar/Sm)
Letzte Änderung: 03.03.2007
Leser dieser News interessierten sich auch für folgende Themen:
- Yamaha ruft zwei Motorrad-Modelle zurück
- Keine Aussetzer bei jüngstem Euro-NCAP-Test
- Regierung beschließt Partikelfilter-Förderung
- Individuelle Reisen zur Formel 1 auf Expedia.de buchbar
- ADAC Stellplatz-Führer Deutschland/Europa 2007 erschienen


