Kommentar: Geht doch!
In der Berichterstattung über den Genfer Automobilsalon war die Genugtuung der Kritiker nicht zu überhören: "Geht doch! Man muss die Automobilindustrie nur unter Druck setzen, dann zaubert sie Lösungen aus dem Hut." Dass solche Lösungen nicht im Hut stecken, sondern lange und teure Phasen der Entwicklung voraussetzen, wird im Gefühl des Triumphes gern verdrängt.
A hat das zwar immer gesagt, aber B fühlte sich nicht einmal angesprochen. Warum sollte B auch zuhören? Haben die Berichterstatter doch bei den Diskussionen um Katalysator, Kohlenwasserstoffe, Feinstaub und jetzt auch Kohlendioxid die Meinung mitgenommen, dass es einen Grund dafür geben muss, wenn A sich stets defensiv verhält.
Meinungen sind stärker als Tatsachen. Auch dieses Grundgesetz der Kommunikation erlebt A nun, weil B die Tatsachen links liegen lässt und sich in immer abenteuerlicheren Meinungen übt. Danach hat die Automobilindustrie geschlafen, und überhaupt gehören Benzinmotoren verboten und durch Hybride ersetzt.
Für diese verfahrene Situation gibt es auf der Seite der Kommunikatoren drei Gründe: A hat nicht nur zu spät und zu leise gesprochen, sondern auch nicht die B-Vertreter erreicht, die heute die Stimmung machen. A hat sogar darauf verzichtet, B auf das Thema vorzubereiten und hat es darüber hinaus anderen überlassen, das Thema zu besetzen.
Aber auch B trägt Verantwortung, die journalistische nämlich, die besagt, dass auch die andere Meinung zu Wort kommen muss, damit sich der Medienkonsument selbst seine Meinung bilden kann. Heute fühlt sich aber B mehr für die Meinung als für die sachlich richtig dargestellte Nachricht zuständig.
Das liegt auch an unserem aktuellen Verständnis der Medien. B will schnell sein, nicht gründlich, denn morgen ist auch noch ein Tag. Wer sich beklagt, kann sich ja zu Wort melden und das Thema am Köcheln halten. Wenn der Berliner Korrespondent mit seinem Politikfachwissen ein negatives Auto-Thema so serviert bekommt, dass es zu seiner Meinung über diese Branche passt und in sich selbst auch noch schlüssig ist, dann findet die Botschaft aus Berlin in die Medien. Eine Rückkopplung mit dem in vielen Redaktionen ja immer noch vorhandenen Auto-Fachredakteur kostet nur Zeit.
Der Auto-Fachredakteur arbeitet mittlerweile in vielen Häusern in der selbst oder von den Kollegen Redakteuren gewollten inneren Emigration. Er vesteht schon, was A sagt, aber er verbirgt sich lieber in den Tiefen des Hubraums und spricht über das Elektronische Stabilitäts-Programm, damit er nicht aus der Kurve fliegt. Diese Verkürzung ist sicher ungerecht gegenüber vielen Kollegen, die die Fahne des guten Motorjournalismus nach wie vor hochhalten. Doch das ist zurzeit leider nicht die Mehrheit.
Die Situation ist nicht neu; A kennt die sehr gut. Doch - wie beim Feinstaub so jetzt auch wieder beim Kohlendioxid - will B nichts von A wissen, dringen weder die Fakten noch die Argumente durch. Hat A keinen Plan, wie B zu erreichen ist? Vielleicht hilft A ein dritter Erfahrungssatz: Kommunikation ist eine Pyramide, in der die Botschaft von der Spitze (A) kommt, die Mittler ( B) passieren muss, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Es gibt allerdings auch Wege, B zu umgehen und direkt mit der Öffentlichkeit zu sprechen. Auch dann gilt natürlich: A ist dafür verantwortlich, was B/C versteht.
Wir können nicht warten, bis 2008 oder 2009 die wichtigen deutschen Hersteller ebenfalls Fahrzeuge mit Hybridantrieb anbieten, um dann zu verkünden, die Deutschen hätten nun den Rückstand aufgeholt. Das kann sich die Automobilindustrie ebenso wenig leisten wie die gesamte deutsche Wirtschaft mit ihre Orientierung auf den Export oder die Motorjournalisten. A ist jetzt gefordert, B aber ebenso. (ar/Sm) Letzte Änderung: 08.03.2007
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