Kommentar: Griff nach dem Strohhalm

In nachrichtenarmen Zeiten wie diesen ist der Weg in die Tagesschau kurz, besonders dann, wenn auch noch der Popanz Auto geprügelt werden kann - sagte sich offenbar die "Berliner Zeitung" und kreierte gestern die Schlagzeile "Tempolimit für besseres Klima". Dabei zitiert der Autor den Präsidenten des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, mit der Aussage: "Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde lässt sich der Kohlendioxid-Ausstoß um zehn bis 30 Prozent reduzieren."

In dem zitierten Interview kommt Troge nach den Themen Abbau umweltschädlicher Subventionen, Eigenheimzulage, Pendlerpauschale, Grund- und Erwerbssteuer, den Gefahren von Teppichen, Möbeln, Tapeten, Farben, Lacken sowie Lösungsmitteln, Weichmachern und Flammschutzmitteln sowie nach einem Umweg über das Rauchverbot und die Selbstverpflichtung der europäischen Automobilindustrie zur Redauzierung von Kohlendioxid bis zur Notwendigkeit für die EU und Deutschland, die gemeinsamen Klimaschutzziele zu erreichen am Ende zu der bereits ziteireten Antwort auf die ausdrücklich gestellte Nachfrage: "Würde auch ein Tempolimit auf Autobahnen helfen?"

Was soll ein Präsident eines Umweltbundesamtes da antworten? Andreas Troge antwortete sinngemäß mit einem "Ja, auch" und ahnte sicher nicht, dass aus dem Zitat eine Schlagzeile werden könnte, zumal das sachlich fehlinterpretierbar ist und auch prompt falsch interpretiert wird. Zehn bis 30 Prozent Reduktion beim Kohlendioxid könnten sich für den Autobahnverkehr ergeben, nicht etwa für den Gesamtverkehr, wie es die Formulierung der Zeitung nahelegt. Auf der Autobahn wird rund ein Fünftel des Verkehrs abgewickelt und das bei ständig sinkenden Durchschnittsgeschwindigkeit, die heute bereits unter 130 km/h liegt. Die Unfallgeschwindigkeit auf Autobahnen liegt übrigens deutlich unter 120 km/h.

Demnach gehört das Absenken der Geschwindigkeiten auf Autobahnen genau dort hin, wo der Präsident des Umweltbundesamtes diese Maßnahme eingeordnet hat: an das Ende der Kette. Dennoch muss man sich nicht wundern, wenn in diesen Tages des Nachrichtenmangels die üblichen Verdächtigen bei den Politikern und Umweltschutzgruppen in dasselbe Horn stoßen und Nachrichtenredakteure mit ihrer Urangst vor dem leeren Blatt Papier und dem schwarzen Bildschirm dankbar nach diesem Strohhalm greifen. Der Verlag der Berliner Zeitung darf sich angesichts des Echos dieser Weihnachts-Ente über Aufmerksamkeit freuen. Die anderen Medien können ebenfalls frohlocken. Sind sie doch nicht verantwortlich für diese zwischen den Tagen so sehnlichst erwartete "Nachricht". Ob die Auto fahrenden Leser, Zuschauer und Zuhörer sich auch darüber freuen, dass schon vor den tollen Tagen "olle Kamelle" unters Volk geworfen werden? (ar/Sm) Letzte Änderung: 28.12.2006









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