Kommentar: Heilsamer Schock

Einst hatte Lopez die Zulieferer mit der Forderung geschockt, sie müssten mit den Preisen um ein Fünftel nach unten. Heute spricht Manfred Wennemer, Vorstandvorsitzender der Continental AG von einem "heilsamen Schock" und kommt zu dem Schluss: "Wer die Kosten nicht runterbringen kann, sollte besser aussteigen."

Wennemer rechnet damit, dass von den heute noch weltweit 6000 bis 7000 Zulieferern der Automobilindustrie sehr viele den Ausstieg am eigenen Leib erleben werden. Seine Prognose lautet, dass mittelfristig nur rund 2500 von seinen Kollegen und Wettbewerbern am Markt bleiben werden.

Während andere Zulieferer angesichts der steigenden Materialpreise bei ihren Kunden um mehr Rücksicht buhlen, spricht der Conti-Chef von seiner Absicht, eine faire Teilung der Lasten zu erreichen. Jeder soll seinen Teil dazu beitragen - jeweils ein Drittel der Automobilhersteller, ein Drittel der Zulieferer und das letzte Drittel dessen Zulieferer. So spricht einer, der sein Unternehmen in einer starken Position sieht.

Wennemer verspricht seinen Aktionären für dieses Jahr und für die überschaubare Zukunft ein Wachstum aus eigener Kraft von fünf Prozent pro Jahr. Dazu kommen noch die Neuwerwerbungen. So haben die Hannoveraner unter anderem das Telematik-Geschäft von Motorola und kürzlich 51 Prozent am slowakischen Reifenhersteller Matador erworben. Auf der Einkaufsliste stehen so große Namen wie Siemens-VDO und - wie der Conti-Chef versichert - noch andere Unternehmen, die ins Portfolio passen. Die "Kriegkasse" ist gut gefüllt.

Auch bei den Investitionen lässt sich das Unternehmen nicht lumpen. Für Forschung und Entwicklung sollen dieses Jahr 4,6 Prozent vom Umsatz ausgegeben werden. Darüber hinaus lässt das Budget noch Raum für Investitionen in der Größenordnung von sechs Prozent, und sogar Bilanz-Kosmetik kann noch finanziert werden.

Während andere mit der Insolvenz kämpfen oder sich - wie einige US-Wettbewerber - unter den harten Regeln von Chapter 11 im Markt zu halten versuchen, bricht die Conti auf zu neuen Ufern. Die liegen natürlich in Fernost, Indien und Südamerika, aber auch in der Eroberung neuer Marktsegmente wie dem Hybridantrieb und dem Billigautos für Entwicklungs- und Schwellenländer.

Diesen "Low Cost Vehicles" widmet Continental große Aufmerksamkeit. Bremsen will man liefern, Leitungen und Elektronik. Dabei kann Wennemer darauf verweisen, dass seine Conti heute bereits beim Dacia Logan, dem billigsten Personenwagen europäischer Produktion, mit erheblichem Lieferumfang vertreten ist.

Für den Diplomphysiker Manfred Wennemer ist das alles logisch. Mehr Investitionen in Hardware und Innovationen und dennoch mehr Umsatz und Ergebnis - diese Rechnung geht für ihn auf, weil das Unternehmen sein geistiges Eigentum schützt und mit der Entwicklung wie mit der Produktion in die Regionen der Welt wandert, wo die Musik spielt und die Kosten passen. Für den Conti-Standort Deutschland hatte das schon Folgen und wird weitere zeitigen. Aber das Unternehmen steht gut da, wie auch die erneute Ergebnisverbesserung im zweiten Quartal wieder zeigt.

Für seine Darstellung der Strategie des Unternehmens fand Wennemer jetzt beim Kongress der Fachpublikation Automotive News Europe in Prag mehr als nur aufmerksame Zuhörer. Er erntete großen Applaus, auch von denen, die daheim um bessere Preise für ihre Zulieferungen kämpfen. Continental hat aus der Not nach dem heilsamen Lopez-Schock eine Tugend gemacht, um die andere das Unternehmen beneiden. (ar/Sm) Letzte Änderung: 29.06.2007

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