Kommentar: Hurra, wir leben wieder!

Jetzt ist sie es wohl Leid, ständig an den Pranger gestellt zu werden. Schon beim Genfer Automobil-Salon hatten Insider ein Aufbegehren der deutschen Automobilindustrie erwartet. Doch Anfang März beschränkten sich die Hersteller noch defensiv auf den Hinweis, dass man auch Fahrzeuge im Angebot habe, die gar nicht so viel Treibhausgas ausstoßen. Aber es brauchte wohl erst das Frühlingserwachen in Sindelfingen und den Technik-Kongress des Verbands der Automobilindustrie (VDA) an diesem Ort, um einen Neuanfang zu wagen, zu 
Recht auf die eigenen Leistungen hinzuweisen und von der Politik sachliche Beiträge zum Thema Klimawandel und Auto zu erwarten.


Die rund 650 Teilnehmer am Kongress in Sindelfingen nahmen bei ihren Oberen das Umschalten auf Offensive dankbar zur Kenntnis. Bisher fühlten sie sich den Angriffen gegen das Auto hilflos ausgeliefert. In den Augen der Öffentlichkeit waren ihre Leistungen bei der Verbrauchsreduzierung offenbar nichts wert. Umso dankbarer nahmen sie den neuen Ton in den Reden zur Kenntnis: Hurra, wir leben wieder!

Wer nun meint, der neunte Technische Kongress des VDA habe das Thema Umweltverträglichkeit des Autos nur deswegen auf die Tagesordnung gehoben, weil dem Verband angesichts immer neuer Anwürfe gar nicht anders übrig geblieben sei, der irrt. Seit Jahren beherrschen die Themen Treibstoffverbrauch und damit der Schadstoffausstoß aber auch die Fahrzeugsicherheit die Agenda dieses Kongresses. Wer zuhören wollte, der konnte hier Jahr für Jahr wieder erkennen, dass die deutsche Automobilindustrie in beiden Disziplinen Weltmeister ist.

Diese eindeutige Ausrichtung auf Zukunftsthemen ist dem scheidenden Präsidenten Prof. Dr. Bernd Gottschalk und seinem Team geschuldet. Weder der Verband noch die deutschen Hersteller haben in dieser Hinsicht etwas anbrennen lassen, sondern sich stets als Vorreiter positioniert. Nur schade, dass dies nicht bis in die Öffentlichkeit durchdrang. Das hätte den Imageverlust der kompletten Autoszene verhindern können, vorausgesetzt, den Anti-Auto-Aktivisten wäre nicht ein anderer Grund eingefallen, das Auto als ein politisch unkorrektes Verkehrsmittel zu diskreditieren.

Die nächsten Angriffsflächen sind stehen bereist am Horizont. Doch noch spricht kaum jemand über die Stickoxide im Abgas. Aber das ändert sich. Und auch die Lärmbelästigung des Verkehrs wäre noch zu bearbeiten. Hoffentlich gelingt es der Automobilindustrie dieses Mal, diese Themen selbst und offensiv zu besetzen und sich nicht wieder von ihren Gegner vorführen und in den Defensive drängen zu lassen. Denn auch in diesen beiden Disziplinen sind die deutschen Hersteller führend.

Prof. Gottschalk hat mit seinem Rücktritt ganz staatsmännisch die politische Verantwortung übernommen. Es ist ihm zu danken, wenn jetzt die gesamte Branche die Chance zum Neuanfang bei der Kommunikation in eigener Sache erhält. Die Öffentlichkeit, viele Politiker und die Aktivisten müssen rasch erkennen, dass dort vorn ist, wo die deutsche Automobilindustrie steht.

Eine sachliche und ideologiefreie Diskussion forderte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther H. Oettinger jetzt beim VDA-Kongress in Sindelfingen und traf dort auf offene Ohren. Denn die Zahlen und Fakten sprechen für sich, wenn man sie denn zur Kenntnis nehmen will. Die Strategie von Verband und Industrie liegt auf dem Tisch, ebenso Vorschläge für eine zielführende Gestaltung der CO2-Steuer. Jetzt ist es an der Politik, Deutschlands wichtigster Industrie die Zukunftschancen zu erhalten, die die Techniker ihr längst eröffnet haben. Ihr Spiel, Herr Wissmann! (ar/Sm) Letzte Änderung: 29.03.2007









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