Kommentar: Sturm im Wasserglas

Manchmal muss man Andreas Troge, den Präsident des Umweltbundesamts, auch mal bedauern. Sicher hatte auch er ein paar ruhige Tage zwischen den Jahren verbringen wollen. Doch auf einmal klangen ihm die Ohren, denn die Republik sprach über ihn. Troge sollte Tempo 120 auf Autobahnen gefordert haben, und auf der Suche nach einem medialen Kracher zwischen den Tagen griffen sogar die sonst so auf ihre Seriosität bedachten Medien das Thema an prominenter Stelle in den Nachrichten auf.

Dabei hatte nicht Andreas Troge die Nachricht losgetreten, sondern die Redaktion der Berliner Zeitung. Die hatte ein Troge-Interview zu generellen Umweltfragen und Fragen des Klimaschutzes zu der gestrigen Schlagzeile zugespitzt "Tempolimit für besseres Klima". Die Verlockung dieser Zeile war offenbar groß. Rasch waren auch noch ein paar der üblichen autofeindlichen Statements eingeholt, und der Sturm im Wasserglas war angerührt.

Von Andreas Troge selbst war dazu nichts zu hören. Der wollte sich seine Ruhe vielleicht durch die Überinterpretation eines einzelnen (Neben)-Satzes in einem langen Interview nicht stören lassen. In der Weihnachtspause befanden sich offenbar auch die Experten in den Redaktionen der Nachrichtenagenturen. Sonst hätten die den Zeitungsbericht zum Troge-Interview als sachlich falsch entlarven können.

Troge wird in der Berliner Zeitung mit den Worten zitiert: "Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde lässt sich der Kohlendioxid-Ausstoß um zehn bis 30 Prozent reduzieren." Ein Fachredakteur hätte gewusst, dass das für ein einzelnes Auto auf der Autobahn gilt. Auch Präsident Troge weiß, dass mit Tempo 120 auf den Autobahnen der Kraftstoffverbrauch nicht einmal um zehn Prozent sinkt. Angesichts einer Durchschnittsgeschwindigkeit des Autobahnverkehrs von 117 km/h ist das wohl auch kaum zu erwarten, zumal nur noch auf rund einem Fünftel der deutschen Autobahnen eine Fahrt ohne Limit möglich ist. Auch das Argument höherer Sicherheit vor Unfällen und von niedrigeren Unfallfolgen sticht nicht angesichts einer durchschnittlichen Unfallgeschwindigkeit von weniger als 100 km/h.

Trotzdem hat es einen halben Tag gebraucht, bis die ersten Fakten zum Thema in den Redaktionen auftauchten und noch ein paar Stunden länger, bis die öffentlich-rechtlichen und die privaten Medien sie zur Kenntnis nahmen und ein erstes kleines Fragezeichen hinter die Meldung setzten, mit einem Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen könne der Kohlendioxidausstoß aus Personenwagen um bis zu 30 Prozent gesenkt werden.

Heute hagelt es Statements, verblüffte angesichts der Irrelevanz des Themas, ärgerliche, die auf die Fakten hinweisen und eben auch solche, die journalistische Sorgfalt auch an Brückentagen und zwischen den Jahren anmahnen. (ar/Sm) Letzte Änderung: 29.12.2006









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