Kommentar: Viel Lärm um nichts

Lärm macht krank, ob nun als Industrielärm oder der jetzt besonders angeprangerte Lärm von Flugzeugen, Schienenfahrzeugen oder Straßenverkehr. Das bringt die EU auf den Plan. Die nimmt beim Lärm wieder die Gemeinden und Städte Europas in die Pflicht. Wie bei der Bekämpfung der Feinstaub-Schimäre sollen sie sich nun auch bei der Lärmbekämpfung auf die Suche nach den wirksamen Methoden begeben.

Beim Feinstaub war das noch einfach; denn nur der Bürger wurde geschädigt. Er musste eine Plakette erwerben oder die Feinstaubzonen meiden. Die Versuchung wird groß sein, das Problem wieder auf dem Rücken der Bürger zu lösen. Doch dieses Mal liegen die Dinge anders. Jede Stadt ist nicht nur eine Ansammlung von Häusern, sondern immer auch eine Zusammenballung von Verkehr. Ist es eine große Stadt, gibt es gleich mehrere Bahnstrecken und zumindest einen Flughafen.

Städte leben vom Verkehr und sind gleichzeitig dessen Opfer. Den Verkehr wegen des Lärms zu verbannen, würde den Städten ihre Daseinsberechtigung entziehen. Man darf also gespannt sein, welche Lösungsansätze von Politik und Behörden auf uns zukommen.

Von den heutigen Verkehrsmitteln wissen wir, dass sie alle leiser geworden sind. Das kann jeder für sich selbst überprüfen, wenn er sich daran erinnert, wie laut vor zehn Jahren sein eigenes Auto, die S-Bahn auf der Strecke neben dem eigenen Haus oder das landende Flugzeug noch waren.

Doch dieser Fortschriftt wird nicht ausreichen, um die Vorsorgewerte von 55 Dezibel am Tag, was der Lautstärke eines normal geführten Gesprächs entspricht, auch an Hauptverkehrsadern einzuhalten. Vermutlich werden wir deswegen wieder erleben, wie Öko-Populisten sich ein Symbol suchen. Kein Zweifel, dass das wieder mit dem Personenwagen zusammenhängen wird. Wie, hat der Chef des Umweltbundesamtes, Prof. Dr. Andreas Troge, nun schon wiederholt angedeutet: Die Reifen müssen leiser werden.

Allein die Tatsache, dass Troge von "dem Reifen" und nicht vom "Fahrgeräusch" spricht, lässt erwarten, dass damit der Sündenbock gefunden ist. Dafür sprechen außer den Troge-Äußerungen noch zwei weitere Punkte: Die Eigenschaften des Reifens kann man der Industrie ankreiden, und man letztlich den Bürger für andere Reifen zur Kasse bitten.

Dabei kann es sich die Reifenindustrie schon seit langen Jahren nicht mehr leisten, für Personenwagen "laute" Reifen zu liefern. Die Automobilhersteller und deren Kunden würden sich bedanken, wenn die schönen und teuren Lärmschutzmaßnahmen im Auto durch laute Reifen wieder zunichte gemacht würden. Es ist nicht der moderne Reifen, sondern das Zusammenspiel zwischen Reifen und Fahrbahn, die das Geräusch zu Lärm werden lassen.

Hier haben wir es mit einem der seltenen Fälle zu tun, in denen die Behörden die erkannten Probleme selbst beheben können, indem sie mit ihren Nachbarbehörden Konsens herstellen. Troge muss nur die Verkehrs- und Straßenplaner überzeugen. Sie sollen Straßenbeläge verwenden, die Geräuschniveau hervorrufen. Es muss ja nicht immer gleich Flüsterasphalt sein. Es reicht ein glatter Belag, der auch noch kurze Bremswege ermöglicht. Das würde der Umwelt, der Sicherheit des Verkehrs und dem Bürger nutzen.

Doch in der kommenden Woche, beim Internationalen Tag des Lärms, werden nicht die Straßenbauer in sich gehen. Stattdessen werden die Autofahrer ein weiteres Mal viel Lärm um nichts ertragen und sich erneut zu Sündenböcken abstempeln lassen müssen. (ar/Sm) Letzte Änderung: 17.04.2008









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