Kommentar: Zielkonflikte

In Brüssel müsste man es doch eigentlich inzwischen gelernt haben, mit Zielkonflikten so umzugehen, dass gute Kompromisse möglich werden. Tatsache bleibt aber leider, dass auch und gerade die Brüsseler Bürokratie zu häufig nur ein politisch wirksames Ziel im Auge hat wie das sprichwörtliche Kaninchen die Schlange. Jetzt wollen sie im Zuge der Kohlendioxid-Diskussion den Reifen mit dem geringsten Rollwiderstand kennzeichnen und vergessen völlig ihr Ziel einer Halbierung der Unfallopfer.

Für ein paar Prozent weniger Kraftstoffverbrauch nehmen die EU-Experten offenbar gern auch einen erheblich verlängerten Bremsweg und ein schlechteres Verhalten des Reifens bei Nässe und Glätte in Kauf. Eine Vorschrift, die nur die Kennzeichnung von Reifen mit optimiertem Rollwiderstand im Blick hat, riskiert in ihrer Einäugigkeit ein Ansteigen der Unfallzahlen.

Und was ist, wenn sich die politisch-populistischen Themen ändern? Jetzt diskutieren wir Kohlendioxid, später sicher auch wieder die Geräuschentwicklung zwischen Reifen und Straße. Auch dazu wird es den Brüsseler Experten sicher einfallen, dem Reifen mit neuen Vorschriften neue Ziele zu setzten. Dabei hätte es die Bürokratie in Europa, in den Mitgliedsstaaten, deren Ländern und Kommunen leicht, mit eigenen Mitteln dem Thema Lärm wirksam zu Leibe zu rücken.

Verkehrs- und Stadtplaner bevorzugen in allzu vielen Fällen Straßenbeläge, auf denen kein Reifen leise abrollen und leider auch in vielen Fällen nicht seine maximale Haftung entwickeln kann. Beim Bau und Reparieren von Straßen könnte die öffentliche Hand viel mehr gegen den Verkehrslärm unternehmen. Da sie sich um dieses Lärmschutzpotenzial in der Vergangenheit wenig bis gar nicht kümmerte, bietet sich dort jetzt ein viel größerer Spielraum für Optimierungen als beim Reifen.

Den Zielkonflikt zwischen Verkehrsgeräusch, Schönheit und oder Preis eines Fahrbahnbelags können die Verwaltungen selbst besser lösen als die Reifenhersteller. Die guten unter denen haben schon seit Jahrzehnten bei der Optimierung aller Eigenschaften auch das Geräusch zwischen Fahrbahn und Reifen bei jeder Neuentwicklung im Blick haben.

Das Fahrverhalten bei Nässe oder Trockenheit, Hitze oder Kälte, in Kurven und beim Bremsen sowie die Lebensdauer und der Rollwiderstand - der Reifenentwickler muss bei einer ganzen Reihe von Zielkonflikten zu einem Kompromiss kommen, der zunächst einmal die Sicherheit, dann den Verbrauch und dann den Komfort berücksichtigt. Wenn die angepeilte Kennzeichnung von Reifen mit gutem Rollwiderstand Wirklichkeit werden sollte, dann kann man vom Kauf derart gekennzeichneter Reifen guten Gewissens nur abraten. Die Sicherheit geht vor. (ar/Sm) Letzte Änderung: 12.11.2007









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