Nettopreise von 45 Cent für Superbenzin und Diesel
Preistreiberei an der Tankstelle? Automobil- und Verbraucherverbände thematisieren alljährlich vor den Sommerferien die Entwicklung der Kraftstoffpreise und haben als Sündenböcke für das Loch in der Urlaubskasse die Mineralöl-Unternehmen ausgemacht. "Die Faktenlage sieht völlig anders aus, denn es lässt sich leicht nachweisen, dass völlig andere Faktoren die Preise für Benzin und Diesel bestimmen", erklärt Heiko Wiegand und fügt hinzu: "Das sind in erster Linie die Entwicklung der Rohöl- und Produktpreise und die steuerliche Belastung". Dem Vorwurf von überhöhten Preisen in Deutschland erteilt der Chef der Preis-Abteilung von Aral damit eine klare Absage: "Bezogen auf die Netto-Preise* liegt Deutschland im günstigen Mittelfeld, in der EU ist beispielsweise Diesel ohne Steuern in nur neun Staaten günstiger." Folgende Faktoren bestimmen den Kraftstoff-Preis – auch in den Ferien:
- Steuern: Aktuell zahlen Autofahrer durchschnittlich 131,9 Cent* für einen Liter Superbenzin und 109,9 Cent* für einen Liter Diesel. Damit gehört Deutschland wegen des hohen Steueranteils im europäischen Vergleich zu den Hochpreisländern. Beim Super-Benzin ist die Tankrechnung nur für Belgier, Dänen, Finnen und Niederländer höher. Die Autofahrer in Großbritannien, Italien, und Slowenien zahlen mehr für Diesel. Beim Vergleich der Netto-Preise gehört Deutschland dagegen zu den günstigsten Ländern, denn für einen Liter Superbenzin verlangt der Staat auf dem derzeitigen Preisniveau einen Steueranteil von knapp 87 Cent oder etwas mehr als 65 Prozent. Beim Diesel beträgt der Steueranteil rund 65 Cent oder mehr als 59 Prozent. Ohne Steuern würden die Nettopreise bei Superbenzin und bei Diesel auf 45 Cent schrumpfen. In den Nachbarländern Luxemburg, Polen, Tschechien oder Österreich ist der Steueranteil beim Benzin rund 20 Prozent niedriger und auch beim Diesel liegen die Steuerbelastungen mehr als zehn Prozent unter dem deutschen Niveau. "Dieser steuerliche Nachteil lässt sich an der Tankstelle nicht mehr auffangen", erklärt Aral-Experte Wiegand.
- Rohstoff- und Produktpreise: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Rohölsorte Brent hat seit seinen Tiefstständen im Februar 2009 wieder um fast 80 Prozent auf rund 70 US-Dollar zugelegt. Die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Wirtschaftskrise und die verstärkte Nachfrage aus den USA – infolge wartungsbedingter Raffineriestillstände – haben die Produktpreise noch stärker beflügelt: Im gleichen Zeitraum hat sich der Preis für Superbenzin an den Rotterdamer Rohstoffmärkten mehr als verdoppelt – er stieg von 302 US-Dollar pro Tonne Anfang Januar auf 664* US-Dollar pro Tonne. Die Notierungen für Diesel legten im gleichen Zeitraum lediglich um 30 Prozent zu. Hier dämpfte die anhaltende Wirtschaftskrise die Nachfrage nach Dieselkraftstoff im Transportsektor. Dass die deutliche Verteuerung an den Rohstoffmärkten noch nicht stärker an den Tankstellen und somit beim Verbraucher angekommen ist, haben sie auch einem starken Euro im Vergleich zum US-Dollar zu verdanken.
- Konkurrenzsituation: "Deutschland ist ein extrem umkämpfter Markt, in dem Autofahrer außerdem äußerst preissensibel reagieren. Die Zahl der Preisveränderungen ist in den vergangenen Jahren explodiert. Die Ferien haben aber nichts damit zu tun", erläutert Wiegand. Aral verzeichnete im Jahr 2008 durchschnittlich 148 Tage mit Preissenkungen und 155 Tage mit Preiserhöhungen – 30 mehr als im Jahr zuvor. Die häufigen Anpassungen sind eine Reaktion auf den noch immer andauernden Konzentrationsprozess im deutschen Tankstellenmarkt bei schrumpfenden Absatzzahlen. Gegen die Mär der Abzocke in der Urlaubszeit spricht auch die Ferienverteilung in Deutschland: Statistisch gibt es nur an jedem dritten Tag in keinem deutschen Bundesland Ferien. Wiegand: "Die Festlegung der Ferien ist im Übrigen Ländersache, während Preisveränderungen bei Kraftstoffen normalerweise bundesweit erfolgen. Preisveränderungen sind somit in der Urlaubszeit an der Tagesordnung, aber es gibt keinen Zusammenhang."
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