Schmonzette: Obrigkeitsdenken

Normalerweise fahren wir zu zweit, wenn wir ein neues Auto kennenlernen. Der eine fährt, der andere sagt ihm mit Hilfe von Roadbook und Landkarte, wohin. Neuerdings erleichtern Navigationsgeräte dem Beifahrer die Arbeit, so dass mehr Zeit zum Fachgespräch übers neue Auto oder zum Klatsch über Kollegen bleibt.

Kürzlich erschien mein Beifahrer nicht zum Starttermin. Vielleicht war ihm der Kleinwagen zu mickrig. Also fuhr ich allein, mit aufgeschlagenem Roadbook auf dem Beifahrersitz und eingeschalteter mobiler Navigation auf dem Armaturenbrett. Was konnte schon schiefgehen? Auf die Navis von heute kann man sich in der Regel verlassen.

Doch schon am Werkstor stritten sich die beiden virtuellen Beifahrer. Das Roadbook wollte nach rechts, die Navi nach links. Ich entschied mich für de Navi.

So begann eine traumhaft schöne Tour über kleinste Straßen in eine gepflegte ländliche Umgebung. Doch am ersten Kreisel stieg meine Navi aus: "Die Route wird neu berechnet, meldete sie. Einige abwartend langsam gefahrene Straßen später lief der Rechenvorgang immer noch. Also beschloss ich zu "re-booten", wie ich es beim PC daheim gewohnt bin. Ich stellte den Motor ab, betrachtete eine Minute lang das Leben einer Kleinststadt aus der Perspektive eines Kleinwagens und startete neu.

Da war sie wieder. Meine Navi nahm mich wieder an die Hand, und die Fahrt ging weiter über Feldwege, Waldwirtschaftswege, breitere Radwege. "Nur für Anlieger", "Nur für landwirtschaftlichen Verkehr" und "Radweg, frei für Fußgänger". Ich bekam großen Respekt vor dem Einfluss eines großen Unternehmens auf die Verkehrsverwaltung. Es ist schon beeindruckend, welche Strecken die für unsere Tour freigegeben bekommen haben, nur um ihren Kleinwagen in einer ganz engen Umgebung als Tausendsassa darstellen zu können.

Beeindruckend war auch die Toleranz der Radfahrer, die mich klaglos passieren ließen und die Freundlichkeit der Kinderwagen schiebenden Väter, die vor mir ins Gras ausweichen mussten oder der mit dem Schwanz wedelnde Hofhund, der mein kleines Auto wie einen Freund begrüßte. So ein Kleinwagen verhindert eben Aggressionen.

Nach der Fahrt durch den idyllischen Bauernhof stieg die Navi wieder aus. Also noch einmal re-booten. Dann führte sie mich in der falschen Richtung an eine Einbahnstraße. Aber nun stieg ich aus, schaltete den kleinen Kasten ab und suchte mein Ziel mit Gefühl und meiner geringen Ortskenntnis.

Endlich dort angekommen, beklagte ich mich beim Techniker. Der kletterte sofort mit rotem Kopf in den Kleinwagen und bearbeitete das Kästchen. Als er nach einigen Bemühungen an dem Kasten wieder ausstieg, war sein Kopf knallrot. Es war ihm offenbar peinlich, gestehen zu müssen, dass der kleine Kasten für Radfahrer programmiert worden war.

Was lernen wird daraus? Erstens: Soviel Einfluss, wie man meint, haben unsere Unternehmen bei ihren Kommunen wohl doch nicht. Sie können eben Verkehrszeichen nicht gleich reihenweise außer Kraft setzen. Zweitens: Auch die beste Navi ist noch lange keine Obrigkeit, auf die der brave Bürger sonst selbstverständlich hört, es sei denn, er ist Radfahrer. (ar/Sm) Letzte Änderung: 02.07.2007









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