Sind wir ein Volk von quasi Vorbestraften?

In Deutschland wird zu viel kontrolliert. Der Staat gängelt den Autofahrer, Raser sind Opfer, nicht Täter. Der Autofahrer ist quasi pro forma vorbestraft. Thesen, die in der Boulevardpresse durchaus regelmäßig aufgestellt werden, sagte Professor Eugen Stephan vom Psychologischen Institut der Universität Köln auf einem Seminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates in Bonn. Doch der Erfolg der Kontrollen rechtfertigt die Maßnahmen. In Nordrhein Westfalen sorgen flächendeckende Tempolimits aufgrund der hohen Verkehrsdichte und viele Kontrollen der Polizei für deutlich weniger Verkehrstote als in anderen Bundesländern.

Die so genannten SUN-Staaten Niederlande, Schweden und Großbritannien gelten innerhalb der EU als Musterbeispiele für eine positive Unfallentwicklung. Hier liegt die Zahl der der Verkehrstoten pro eine Million Einwohner deutlich niedriger als in anderen Ländern. In Nordrhein-Westfalen ist diese Quote sogar noch besser - wegen der Kontrollen, sagt Stephan. Wenn die Polizei über einen langen Zeitraum konsequent auf Alkohol kontrolliert, ist ein deutlicher Lerneffekt festzustellen. Es könnte noch besser sein, so Stephan weiter. Dafür sind neben den Kontrollen zwei Faktoren entscheidend. Alkohol muss teurer werden, sagt der Experte. Die Steuern auf Alkohol sind in der Bundesrepublik vergleichsweise niedrig und der Alkohol ist dadurch vergleichsweise billig. Der pro Kopfverbrauch an Alkohol ist hierzulande höher als in den drei anderen Staaten. Die Promillegrenzen waren in den anderen Staaten bis zum Jahr 2004 niedriger als in der Bundesrepublik Deutschland.

Auch ein Tempolimit könnte die Unfallzahlen weiter senken. Im Hinblick auf eine gesetzlich vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung ist die Bundesrepublik "durch politische Entscheidungen in besonders hohem Maß belastet, da es keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung gibt", so Prof. Stephan. Die Statistik belegt ein Nord-Süd-Gefälle bei den Verkehrstoten. In Bayern sterben statischtische gesehen fast doppelt soviele Menschen mit Alkohol im Blut im Straßenverkehr wie in Nordrhein-Westfalen. Derzeit liegt Deutschland in der Statistik auf Platz 4 in Europa hinter den SUN-Staaten. Der Experte hält es für ein erstrebenswertes Ziel, dort die Nummer 1 zu werden. Bei der Umsetzung stoßen jedoch viele Interessen aufeinander. Das fängt bei Winzern und Bauern an und hört in den Ministerien auf. Und der so genannte "harte Kern" der Verkehrssünder erweist sich als nahezu unbelehrbar. Wer permanent trinkt, so Stephan, wird sich auch durch häufigere Kontrollen nicht vom Autofahren im Rausch abhalten lassen. (ar/sb) Letzte Änderung: 06.09.2006









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