Studie: Die Angst der Frauen vor der Tankstelle oder der soziologische Mikrokosmos
Dieses Jahr hat das "Rheingold Institut" für qualitative Markt- und Medienanalysen Frauen und Männer in 80 tiefenpsychologischen Interviews befragt, wie sie Tankstellen, Waschanlagen und Shops erleben. "Tankstellen sind etwas ganz besonderes, ein Raum mit eigenen Gesetzen und Spielregeln", so Hans-Joachim Karopka, Geschäftsführer von Rheingold.
Das befremdliche Gefühl einiger Frauen, sich hier in einer Männerwelt zu bewegen, kann aber auch angenehme Seiten haben: Bei technischen Problemen nehmen Kundinnen häufig die Rolle der hilfsbedürftigen Frau ein: Sie lassen sich viel eher von Männern helfen, als es in anderen Situationen ihres Alltags der Fall ist. Die Furcht vor technischen Pannen gehen bei manchen Frauen sogar so weit, dass sie überhaupt nicht mehr oder nur noch tagsüber tanken. Am liebsten delegieren sie den Tankvorgang an männliche Partner.
Grundsätzlich wirkt das Ambiente von Tankstellen auf Männer wesentlich positiver als auf Frauen. Schließlich befassen sich viele Männer in ihrer Freizeit hobbymäßig mit Autos: Ölgeruch und Motorengeräusche wirken auf sie eher anziehend als befremdend. Die Abwesenheit einer sichtbaren Autorität wird von Männern nicht als bedrohlicher anarchischer Zustand begriffen, sondern als Herausforderung, sich beim "Kampf" um freie Zapfsäulen durchzusetzen. Beim Tanken zeigen sie durch betont lässiges Auftreten, wie gut sie die Technik beherrschen. Wenn Frauen Probleme beim Tanken haben, nehmen die Herren gerne die klischeehafte Rolle des technisch versierten männlichen Helfers ein.
Schon das Aussteigen an der Zapfsäule löst bei vielen der Befragten starke Emotionen aus. Vor wenigen Augenblicken saßen sie noch sicher, anonym und warm in ihrem Automobil, doch jetzt "verwandeln" sie sich wieder in einen Menschen unter Menschen, fühlen sich im Rampenlicht der Zapfsäulen "schutzlos" den Blicken anderer Autofahrer und der Witterung ausgesetzt. Tankstellen erleben der Studie zufolge viele als eine Art Eldorado: Sie bieten rund um die Uhr Vollversorgung für Mensch und Maschine. Zudem seien Tankstellen ein soziologischer Mikrokosmos, in dem sich verschiedene Bevölkerungs- und Berufsgruppen auf engstem Raum begegnen.
In der Studie waren vor allem drei Grundmuster für das Verhalten beim Tankstellenbesuch auffällig: Boxenstopper, Träumer und Abenteurer. Nach welchem dieser Muster eine Person tankt, hängt von ihrer individuellen Situation und Stimmungslage ab. Das Ziel des Boxenstoppers sei es, möglichst schnell weiter zu kommen. Gegenüber den Kunden und Angestellten der Tankstelle zeigt er deutlich, wie eilig er es hat. Außer Kraftstoff wird nichts eingekauft, denn im Tankstellenshop würde der Boxenstopper nur Zeit verlieren.
Personen, die in der Verfassung des Träumers sind, nutzen den Tankstellenaufenthalt dagegen als Pause für Körper und Geist. Sie lassen ihre Gedanken schweifen, gönnen sich Süßigkeiten und andere Produkte aus dem Tankstellenshop, nehmen sich Zeit für einen Kaffee im Bistro.
Abenteurer möchten ihren Alltag etwas spannender gestalten. Deshalb tanken sie immer nur so viel, wie sie für die nächsten Fahrten ungefähr verbrauchen. So schaffen sie künstliche Notlagen, in denen sie eine Tankstelle erreichen müssen, um nicht mit leerem Tank liegen zu bleiben. Außerdem ignorieren sie Warnsignale der Tankanzeige, weil sie davon ausgehen, dass sie noch einige Kilometer schaffen, wenn der Tank laut Anzeige leer ist. Auch wenn sich der Abenteurer im Tankstellenshop oder im Bistro belohnt, setzt er auf Spannung und probiert neue Produkte aus.
Nicht nur für Frauen, auch für Fahranfänger sei der Boxenstopp eine unangenehme Angelegenheit. Sie fürchten sich vor peinlichen Pannen beim Anfahren an die Säule und beim Umgang mit dem Tankstutzen. Aral will Abhilfe schaffen für verängstigte Frauen und hilflose Fahranfänger. Das Unternehmen investiert bereits 250 Millionen Euro, um seine Tankstellen und die dazugehörigen Shops vor allem für Frauen attraktiver zu machen. Es besteht also noch Hoffnung, dass Angstzustände bei der Betankung bald der Vergangenheit angehören. (ar/sb) Letzte Änderung: 07.09.2006
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