Varta: Vom Traditionsunternehmen zur leeren Hülle

Im 118. Jahr der Firmengeschichte ereignete sich gestern der vorletzte Akt im langsamen Sterben des Traditionsunternehmens Varta Aktiengesellschaft. Die außerordentliche Hauptversammlung der Gesellschaft stimmte in Hannover dem Verkauf der Microbatterie GmbH, der letzten produzierenden Gesellschaft des Unternehmens, zu. Bis zur Jahrtausendwende stand der Name Varta für die Marktführerschaft bei Starterbatterien und Gerätebatterien.

Die Microbatterie GmbH geht nun in naher Zukunft über an die beiden österreichischen Investmentgesellschaften VEG Beteiligungs GmbH und die Buy-Out Beteiligungs-Invest AG, beide mit Sitz in Wien. Der Verkauf soll nach Abzug der Schulden noch einmal 30 Mio Euro in die Kasse der Mutter spülen. Insgesamt sind seit 2002 durch die Verkäufe von Unternehmensbereichen bereits heute mehr als 405 Mio Euro an die Aktionäre geflossen, 267,1 Mio Euro davon allein durch den Verkauf der Starterbatterie-Sparte.

Dr. Uwe Ganzer, der Alleinvorstand der Varta AG, sieht für die Microbatterie-Gesellschaft unter den Fittichen der neuen Besitzer eine reelle Chance für eine erfolgreiche Zukunft. Die seien auf der einen Seite finanzkräftig genug, um das Wachstum finanzieren zu können, auf der anderen Seite aber nicht so groß, um sich einen Misserfolg leisten zu können. Die Microbatterie wird in diesem Jahr voraussichtlich ein EBIT von fast 7 Mio Euro abliefern, obwohl das Unternehmen durch die "BenQ"-Pleite einen großen Kunden verloren hat und deswegen den Umsatz mit rund 131 Mio Euro nur auf Vorjahresniveau wird halten können. Ganzer stellte fest, dass ein Wachstum aus eigener Kraft wegen der abgeflossenen Mittel nicht mehr möglich gewesen sei. Letztlich werde Varta nur noch eine "vermögensverwaltende Hülle" sein.

Ausdrücklich äußerte sich Ganzer zur Zukunft des Pensionsfonds mit immerhin rund 47 Mio Euro für die Betriebsrenten und -pensionen aktiver und ehemaliger Mitarbeiter von Varta. Man habe dafür eine nicht mehr dem neuesten Stand entsprechende vertragliche Regelung, die man nun überprüfen werde. Ganzer sagte zu, dass Aufsichtsrat und Vorstand für eine Lösung sorgen werden, die das Bestehen des Fonds sichern und ein Abschöpfen des Kapitals verhindern werde.

Damit wird das letzte Kapitel in der Geschichte eines Unternehmens aufgeschlagen, dessen Produkte die technische Entwicklung in Deutschland und Europa begleitet und zum Teil erst ermöglicht haben. So erlebte zum Beispiel die heute so oft gelobte Zukunftstechnologie der Brennstoffzelle bei Varta einen großen Schritt nach vorn. Schon Mitte der 70-ger Jahre liefen Fahrzeuge mit Brennstoffzellen aus der Varta-Forschung. Auch die Lithium-Polymer-Batterie, die bei der Microbatterie das Produkt der Zukunft werden soll, stammt aus dem Hause Varta ebenso wie viele andere Technologien zur Stromspeicherung.

Die Aktionäre beschlossen neben dem Verkauf der Microbatterie auch eine Reduzierung des Kapitals der Varta AG von 50 Mio Euro auf 5 Mio Euro. Die Differenz soll ebenfalls an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Von der großen, traditionsreichen und innovativen Varta der Vergangenheit bleibt so also nur noch die besagte Hülle ohne Einkommen aus unternehmerischer Tätigkeit. Da mag es manche ehemaligen und aktiven Mitarbeiter trösten, dass wenigstens der Name Varta noch überlebt - als Marke beim amerikanischen Gerätebatteriehersteller Rayovac und als Marke für Starterbatterien beim ebenfalls amerikanischen Automobilzulieferer Johnson Controls. (ar/Sm) Letzte Änderung: 14.12.2006









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