Mangelnden Mut zum Risiko kann man den Verantwortlichen bei Hartge nun beileibe nicht vorwerfen. Der H6 zeigt sich im Gewand gewagter Studien-Projekte der Achtziger des Werkes. Doch Vorsicht: dem prominenten Auftritt folgt eine gelungene Dynamik-Vorstellung, die auf diesem Niveau nicht selbstverständlich ist.
Mit "Gestatten, H6!" stellt sich dieses Automobil seinen Betrachtern nicht vor. Eher mit "Platz da, jetzt komm´ ich!". Doch so brutal das 6er-Coupé von Hartge auf den ersten Blick auch aussehen mag, ist es mitnichten. Dafür ist die Basis zu elegant, die BMW zur Verfügung stellt. Das 6er Coupé als die aktuelle Interpretation eines schnellen GT, wie er kompletter kaum sein kann. Hartge hat entsprechend an den jeweiligen "Schräubchen" gedreht, um die Individualisierung auf das hier vorgestellte, exklusive Maß anzuheben. Die Umbau-Maßnahmen betreffen jedoch nicht nur die Optik, sondern auch einen Grossteil der Technik.
Beginnen wir mit der Optik, die sich karosserieseitig beim H6 auf den Verbau eines neuen Frontspoilers beschränkt. Doch dieser hat es in sich, selten fiel der Entwurf eines Tuning-Fahrzeuges konsequenter aus. Die übergroße Niere erinnert nicht nur an die Studien des Werkes vor rund zwanzig Jahren, sondern sie soll vielmehr die Verbundenheit Hartge´s zu den Anfängen der Marke mit dem Propeller symbolisieren. So fuhren die ersten Coupés von BMW allesamt mit der hochstehenden Version der "Nieren", in die Breite ging es erst Jahrzehnte später. Dank der ausgeklügelten Lüftungsöffnungen büßt der H6 nebenbei noch nicht einmal bei der aerodynamischen Effizienz ein, die erforderliche Kühlung erfolgt zusätzlich neben den Mittelöffnungen über die seitlich an den Hauptscheinwerfern platzierte Kanäle. In Anbetracht der gesteigerten Potenzials des H6 ein gewünschter Nebeneffekt.
Dieses Leistungsvermögen basiert auf einem umfangreichen Umbau. Als Grundlage dient der nicht mehr produzierte, 333 PS starke V8-Motor des 645 Ci mit 4,4 Litern Hubraum. Bei Hartge findet eine Hubraumerhöhung auf insgesamt 5,1 Liter statt, die jedoch nicht nur die stumpfe Vergrößerung der Zylinder beinhaltet. Vielmehr werden nahezu alle Aspekte seriösen Tunings bedient. So werden eine neue Kurbelwelle, spezielle Pleuel und Kolben sowie eine komplette Sportabgasanlage mit Fächerkrümmer und Metallkatalysatoren mit geringerem Abgasgegendruck verbaut. Das Ergebnis kann sich sehen und besonders im Wortsinn auch hören lassen. Der erstarkte V8 meldet sich nach dem Anlassen mit einem beherzten Bellen zu Wort, seine nunmehr 420 PS und 520 Newtonmeter Drehmoment sind quasi schon im Stand präsent.
Besonders positiv ist, dass die Abfrage dieser Leistung im H6 erstaunlich souverän und zudem komfortabel erfolgt. Zwar bedarf es eines stabilen Nervenkostüms, die völlig überzogene Mitteilsamkeit des Auspuffs zu ertragen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass es sich dabei um eine in Deutschland nicht zugelassene Version handelt, entzieht sich das Coupé einer strengeren Akustik-Bewertung. Dafür entschädigt der H6 mit einem Fahrkomfort, den man ob der Dimension seiner Bereifung von 255/30 an der Vorder- und gar 295/25 an der Hinterachse schlicht für unmöglich hält. Hinzu kommt, dass der H6 um 30 Millimeter tiefer als das Serienpendant liegt. In der Praxis allerdings präsentiert sich die gelungene Abstimmung in Bestform, das Coupé aus Beckingen ist somit nicht nur auf der Autobahn in seinem Element. Selbst in der Innenstadt bietet das auf 21-Zoll-"Classic2"-Felgen stehende Coupé erstaunlich viele Reserven, auch bei voller Beladung. Soviel Feingefühl bei der Fahrwerksabstimmung beweist, dass sich Hartge beim H6 die notwendige Zeit genommen hat, ein "rundes" Fahrdynamik-Paket zu schnüren.
Die Voraussetzungen sind demnach fahrwerksseitig ausgesprochen gut, den H6 bei freier Strecke ordentlich gehen zu lassen. Beinahe lässig wuchtet sich der Sportwagen in sehr knappen 5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, nur 12,5 Sekunden später zeigt der Tacho 200. Ähnlich munter geht der Vortrieb weiter und stellt sich erst bei 290 km/h ein - dem Modul zur Aufhebung der Vmax-Begrenzung sei Dank. Nicht weniger überlegen ist die Achtkolben-Faustsattelbremse, die in ihrer Dimension an der Vorderachse auf 380 Millimeter im Durchmesser zugelegt hat. Sie beschert dem Fahrer auch in kritischen Situationen absolute Standfestigkeit und demzufolge ein erhöhtes Maß passiver Sicherheit.
Fazit: Der H6 5.1 von Hartge ist eine Ausnahmeerscheinung. Das betrifft nicht nur die Front samt ihrer eigenwilligen Optik - die wohl auch nicht minder selbstbewusste Personen ansprechen soll. Es ist das Gesamtpaket, dass stimmig ist. Fahrwerk, Bremsanlage und Motor harmonieren in ausgesprochen guter Form miteinander. Gerade dieser Gleichklang ist in Anbetracht der Konkurrenz eine willkommene Überraschung.
Quelle: P.Tonne Carportal.tv