Die Nomenklatur der Modellbezeichnungen bei Citroën ist übersichtlich. Es beginnt für den Kleinsten mit der „1“ und endet für das Familienoberhaupt mit der „8“. Die „7“ fehlt, sei´s drum. Doch es gibt auch Vorgängermodelle, deren Name sich über die Bauzeit ins Jetzt gerettet hat. So einer ist beispielsweise der Xsara Picasso, der fünf Sitzplätze und ordentlich Volumen und Variabilität vorzuweisen hat. Alle automobilen Kategorien scheinen somit von den Franzosen sinnvoll besetzt. Wirklich alle?
Gehen nicht doch sieben Sitzplätze mit reichlich Glas - und das gern noch ein paar Auto-Kategorien tiefer? „Bien-sûr!“ - natürlich - dachten sich die Franzosen und schufen den C4 Picasso.
Wie es die Ziffer „4“ im Namen bereits erkennen lässt, liegt die neueste Creation genau in der goldenen Mitte der bisher von Citroën angebotenen Modelle. Der Picasso ist jedoch nicht nur ein stumpfer Mix der beiden Schwestermodelle untereinander. Er, der Picasso, hat nicht nur kompakte Abmessungen und gleichzeitig sieben vollwertige Sitzplätze zu bieten (bei denen nur die der dritten Reihe etwas schmaler ausfallen). Sondern er ist ein Wohlfühl-Auto mit Verwöhnaroma im Wortsinne. Von der hübschen Nase hin zum nicht minder eleganten Heck ein Automobil, dass das Reisen zum Erlebnis und das eigentliche Fahren zum Genuß der Sinne macht. Wohlgemerkt: das ist keine vom Marketing geschnitze Floskel, der C4 ist anders als die anderen Vans. Gut, ein, zwei Macken hat auch er der Picasso, doch dazu später mehr.
Fassen wir zunächst die auffälligsten Eigenschaften des neuen „VisioVans“ von Citroën zusammen. Da wäre zunächst die beeindruckend gute, weil fast gänzlich freie Sicht nach vorn. Bedingt durch die weit in das Dach gezogene Windschutzscheibe haben alle Insassen - besonders jene in der ersten Reihe - einen fast ungestörten Blick nach vorn und nach oben. In Zahlen ausgedrückt: der Blickwinkel konnte von den üblichen 35 auf 70 Grad erweitert werden. Das liest sich zwar recht dröge, fasziniert aber in natura umso mehr. Zum Beispiel dann, wenn man sich als Fahrer an einer Ampel nicht mehr mit weißen Knöcheln am Lenkrad nach vorn ziehen muss, um das Umschalten auf Grün nicht zu verpassen. Oder wenn man auf der Landstraße ganz neue Perspektiven beim Fahren erlebt, mit einem ständig reproduzierbarem „Aha!“-Erlebnis. Was ein paar Grad mehr an Sichtmöglichkeit auszumachen vermögen - verblüffend. Im C4 Picasso lehnt man bald entspannt im Sitz und linst lässig nach oben. Für den Fall, dass einmal die tief stehende Sonne während der Fahrt blendet, erfüllen selbstverständlich klassische Sonnenblenden ihren Zweck, die sich zudem in einer Schiene weiter nach unten bewegen lassen. Zusätzlich ungehinderten Ausblick erlauben die betont schlank dimensionierten A-Säulen, die ebenfalls das Turnen hinter dem Steuer, beispielsweise in engen Serpentinen oder im Parkhaus, unterbinden. Wer sich dann noch zusätzlich zum Gegenwert von 650 Euro für das optionale Glasdach entscheidet - welches dem 20.800 Euro teurem Basismodell vergönnt bleibt - kann am Stammtisch damit auftrumpfen, dass die Glasfläche seines Autos fast ein Drittel dessen eigener Parkfläche einnimmt: stolze 6,4 Quadratmeter. Das ist Bestwert in der Klasse.
Licht als Stimmungsaufheller wird beim C4 nicht nur des Tags sondern auch beim Reisen in der Nacht eingesetzt. Feine Leuchtbänder in Armaturenträger, Türtafeln und Dachhimmel tauchen das Interieur dann in ein warmes und gemütliches Licht. Die Passagiere wähnen sich eher in einem Londoner Club als im Auto. Lediglich das fehlende Kaminfeuer erinnert daran, dass man sich in einem Auto befindet. Tatsächlich ist die Illumination so dezent, dass man nach wenigen Kilometern meint, im C4 Picasso durch den Verkehr zu schweben. Die gute Stimmung wird Gott sei Dank durch die Verwendung der Materialien nicht getrübt, im Gegenteil. Besonders in der Ausstattungsversion Exclusive bietet der C4 Picasso ein Verarbeitungsniveau, das manch deutschen Premium-Hersteller von Luxuslimousinen in arge Erklärungsnot bringt. Akkurate Nähte bei den Sitzen, den Türen und am Armaturenbrett, einheitliche Oberflächen und eine sehr konsequente Formensprache lassen den Innenraum angenehm homogen und sehr hochwertig wirken. Doch bereits die Basisversionen des Picasso weisen ein in dieser Klasse überdurchschnittliches Niveau auf. Hier beweist sich eindrucksvoll, dass der Picasso keine Mogelpackung ist, die nur mit ihrer schicken Schale die Käufer zu locken versucht.
Eingebettet in den wunschweise mit Leder bezogenen Armaturenträger befindet sich das zentral angeordnete Display, das alle während der Fahrt relevanten Daten wie Geschwindigkeit, Drehzahl und Tankinhalt auf drei Einzelbildschirmen ausweist. Auch das trägt dazu bei, dass man als Fahrer nicht von Unnötigem abgelenkt wird. Als positiver Nebeneffekt konnte so der zur Verfügung stehende Platz für ein wahres Eldorado an Ablageflächen genutzt werden. Links und rechts neben dem Zentraldisplay sowie in der Mittelkonsole und dem Handschuhfach ist Stauraum in Hülle und Fülle vorhanden, der Notizblock für eventuell Verlegtes drängt sich als Erinnerungsstütze unmittelbar auf. Den dann aber bitte nicht verlegen. Und der Raum unter dem Radio kann gar eine große 1,5 Liter- nebst zweier 0,5-Liter-Flaschen aufnehmen. Auf Wunsch sogar gekühlt - was braucht es beim Reisen mehr?
Bleibt die Frage nach dem Antrieb des C4 Picasso. Angeboten wird er mit vier unterschiedlichen Motoren: zwei Diesel- und zwei Ottomotoren. Die Leistung reicht von 125 PS beim 1,8-Liter-Benziner bis zu 140 PS beim 2,0-Liter. Die Selbstzünder bieten mit zwei Litern Hubraum 136, bzw. in der 1,6-Liter-Version 109 PS. Lediglich die stärkeren der beiden Motorengattungen werden mit dem automatisierten Sechsganggetriebe kombiniert, beim stärkeren Benziner ist es eine 800 Euro teure Option, der „kleine“ Benziner will ausschließlich durch fünf Gangstufen manuell bei Laune gehalten werden. Die Selbstzünder machen beim C4 Picasso am meisten Sinn, da sie naturgemäß im unteren Drehzahlbereich deutlich mehr Drehmoment als die Benziner bieten und somit den Charakter des C4 Picasso besser widerspiegeln. Selbst wenn über das Jahr gerechnet aufgrund der Kilometerleistung die Rechnung zugunsten der Benzin-Version ausgehen sollte: die fahrdynamische Souveränität des leise agierenden Diesels ist in Zahlen schlecht erfassbar und sollte genau aus diesem Grunde sich einer objektiven Bewertung entziehen dürfen.
Kritisch zu bemerken ist hingegen die unharmonische Fahrwerksauslegung des C4 Picasso, die das kommode Gleiten mit der Luftfederung als Extra zwar in Perfektion zu bieten versucht, dieses jedoch nicht zu bedienen weiß. Zu weich, zu mitteilsam um die Querachse, der französische Mini-Van wippt bei völlig normalen Anfahr- und Bremsmanövern zu deutlich um die gedachte, quer durch die Mitte des Fahrzeuges laufende Achse. Auch flott durchmessene Kurven werden mit unnötiger Seitenneigung durcheilt, völlig überflüssig und zudem schade, da - ein weiteres Kuriosum - die Lenkung eine ausreichend exakte Rückmeldung bietet. Punkte beim Fahren heimst der Beau dann aber doch noch ein. Auf fieseren Strecken, wenn es darum geht, grobe Stöße und lästige Bodenwellen von den Insassen fernzuhalten, werden die Insassen wieder mit dem Siebensitzer versöhnt.
Fazit: Der Citroën C4 Picasso ist trotz seiner fahrwerksseitigen Schwächen ein ausgesprochen attraktives Automobil. Mit moderner Optik, einer außerordentlich hohen Praktikabilität und in dieser Klasse herausragenden Verarbeitungsqualität gesegnet ist er mehr als nur ein Lückenfüller. Die kultivierten Motoren in Verbindung mit der Automatik runden das Bild ab. Der C4 Picasso beweist, dass man eine Fahrzeugklasse nicht erst erfinden muss, um sie zu besetzen. Man kann sie auch einfach haben.
Quelle: P.Tonne Carportal.tv