Lotus Exige S Fahrbericht

Lotus Exige S - Die britische Lenkwaffe
Können Sie sich Dr. Alfred Biolek vorstellen, wie er frei jeder Hektik durch seine Kochsendung leitet? Wohl kaum. Ähnlich unwahrscheinlich die Situation, in der Sie in einem Lotus Platz nehmen und schon nach wenigen Sekunden etwas gänzlich Überflüssiges entdecken. Das gibt es nicht, meinen Sie. Doch so etwas gibt es tatsächlich.

Es ist der Rückspiegel. In ihm können sie durch die Heckscheibe von der Größe eines Frühstück-Brettchens direkt in den dusteren Motorraum auf den Ladeluftkühler blicken. Zunächst ertappt man sich sogar noch dabei, den Spiegel in absoluter Routine einzustellen. In der Hoffnung, doch noch etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Vielleicht ist ja gar die Abblendautomatik aktiviert...

Doch zurück zum Kern dieses Tests, in dem der aktuelle Lotus Exige S mit seinem via Kompressor erstarkten Vierzylinder zu begeistern versteht. Der Motor entstammt dem Toyota-Regal und leistet nach der nachträglichen Verpflanzung des von Lotus in Eigenregie entwickelten Kompressors samt luftgekühltem Ladeluftkühler 221 PS. Oder anders: das entspricht einer Literleistung von 123 PS/Liter. Räusper - hat mal jemand ein Glas Wasser?

Seine Arbeit verrichtet er akustisch erwartungsgemäß: surrend, singend und dauerpräsent. Oder mit anderen Worten: es ist die Geilheit im Rücken. So man denn darauf steht und die Stoppuhr und die auftretenden G-Kräfte als Gradmesser für subjektiven Fahrspaß definiert. Auf Abruf werfen sich die 221 Pferdestärken dann derart cholerisch ins Aluminium-Geschirr der 930 Kilogramm leichten Flunder, dass für den klassischen Sprint von 0 auf 100 nur sehr schlanke 4,6 Sekunden verstreichen. Steigungen in Brands Hatch, am Sachsenring oder auf der Nordschleife sollten jedoch aufgrund des recht mageren Drehmomentes von nur 215 Newtonmetern nur mit stark erhöhter Drehzahl in Angriff genommen werden. Aber dieser Umstand ist den Lotus-Angeigern schnurz, wenn sie winkender Weise auf der Insel - oder auch zunehmend hier auf den Rennpisten - die Porsche-Armada ab Apex in den Wahn treiben. Spätestens auf der Döttinger Höhe sollten sich die Frechdachse beim Topspeed von 238 km/h aber wieder mit der Zuffenhausen-Bande versöhnen. Um sie in den Hatzenbach-Bögen wieder vorzuführen. Ach, wie herrlich!

Auch wenn der Exige S nicht die Stammtisch-relevanten 300 Sachen macht, er ist ein sehr ernst zu nehmender Supersportwagen. Ein Großteil der wirklich nachhaltig beeindruckenden Performance ist der Bereifung zuzuschreiben. Ihr Name lautet ADVAN A048 LTS, die speziell von den Ingenieuren von Lotus und Yokohama für den Exige S entwickelt wurde und dem Fahrer ein hohes Maß an Rückmeldung über die Lenkung und die Traktion bietet. Eine besondere Erfahrung für jeden erfolgreiche Klasse-3-Prüfling. Er kann dann einmal selbst erfahren, was es tatsächlich bedeutet, Reifen auf Temperatur zu bringen. Schon die Annäherung an dieses Temperaturfenster trennt die Jungs von den Kerls. Denn das Herantasten ans Limit findet bereits in einem Geschwindigkeitsbereich statt, den die Fahrer deutlich stärkerer Fahrzeuge nie erreichen werden können. Auch dann nicht, wenn acht Liter Hubraum, sechs Turbolader oder sonst-noch-was unter dem Blech steckt. Das Leistungsgewicht bleibt beim Exige S ist wohltuend niedrig - 4,2 kg/PS sind ein excellenter Wert.

Und wenn die Gummis dann schön bappen, wünscht man sich Haltegummis fürs Gehirn. Richtungswechsel folgen in einer Konsequenz und zeitlich derart engen Spanne, dass es nervlich Schwachen zu schaffen macht. Bei nassen Bedingungen ist mit den Reifen jedoch Vorsicht geboten, die Haftungsgrenze kündigt sich nur sehr kurzfristig an, zackige Reaktionen am Wildlederkranz als werterhaltende Maßnahme. Oder um es "lotusisch" zu formulieren: Man kann im Nassen schön die Reflexe schulen...

Im Trockenen kommt dem Fahrer das Prozedere am Limit im Zusammenspiel mit dem ab 2006 serienmäßigen, elektronischen Gaspedal und der Lenkung jedoch erstaunlich entspannt vor. Neu am Jahrgang 2006 sind zudem auch die Wege der Pedalerie, die kürzer ausfallen und somit das Fahren mit "spitzer Hacke" erleichtern. Wer es beherrscht, muss auch nicht mit einem leichten Heck beim Einlenken kämpfen. Das passt zum Rest des Exige, der nicht link, sondern in seinen Reaktionen berechenbar und gerade deshalb jeden seiner zu berappenden Euro wert ist. Über 60.000 Euro als Investition in den Lotus Exige S sind nüchtern betrachtet eine Menge Holz, die Sportfahrer-Gilde könnte sich zu diesem Gegenwert durchaus auch andere Automobile kaufen. Gebrauchte GT3´s, M3´s & Co. haben jedoch beileibe nicht das gewisse Etwas, was die Lotus-Freaks so lieben. Sie schwören auf das ganz spezielle Fahrerlebnis durch das geringe Eigengewicht, die gesamte Performance und den Underdog-Status. Lediglich den Rückspiegel sollte man als erste Maßnahme im Garten vergraben. Am besten ganz, ganz tief.


Auto-Bilder

Quelle: P.Tonne Carportal.tv


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