Mercedes-Benz SLK 55 AMG - Im Plausch der Sinne
Um ein schlüssiges Gesamtkonzept zu präsentieren, bedarf es viel Fingerspitzengefühl. AMG hat dies bei der Realisation des SLK 55 bewiesen. Und das, obwohl einige Voraussetzungen seitens Mercedes-Benz nicht optimal sind.
Sommer 2004. Ich stehe hinter dem Safety Car der Formel 1, am Boxenausgang des Nürburgrings, und beobachte Bernd Mayländer. Den einzigen Rennfahrer der Welt, der es sich leisten darf, eine ganze Horde von F1-Fahrern mit einem Straßenfahrzeug in Zaum zu halten. Natürlich nur, wenn etwas Unvorhergesehenes auf der Piste geschehen ist. Den Rest der Zeit wartet er - und lauscht. Lauscht dem sensationellen Bariton seines Dienstfahrzeuges, einem SLK 55 AMG, der schon im Leerlauf für Gänsehaut bei mir sorgt. So etwas für die Strasse, das wäre es doch. Schade, es wird wohl nur ein Traum bleiben.
Sommer 2006. Ich stehe erneut hinter dem SLK. Jedoch befinde ich mich jetzt nicht in der Eifel, sondern in der Hamburger Speicherstadt. Genau genommen auf unserem Redaktionsparkplatz. Und inspiziere erwartungsfroh jenen Testwagen, dessen Bruder mich am Ring unmittelbar zum Akustikjunkie von V8-Motoren machte. Nun kann ich endlich, nach Jahren des Darbens und - viel wichtiger - ohne Bernd Mayländer bestechen zu müssen - den SLK à la AMG in seiner ganzen Wirkungsbreite in mich aufsaugen. Zunächst die Optik der Front, die mit ihrer angedeuteten Formel-1-Nase sofort klarstellt, wes Geistes Kind der Zweisitzer ist. Dazu noch ein paar Finnen an den Lüftungsgittern, Entlüftungsschlitze für die Motorölkühler im Frontspoiler und eine Bremsanlage, die in ihrer Dimension selbst einem ICE gut zu Gesicht stünde. Seitlich betrachtet kaum Spektakuläres, von den konturierten Schwellern und der Tieferlegung einmal abgesehen. Doch dann die wahre Pracht, das Heck: zwei Doppelendrohre, dazu der verchromte AMG-Schriftzug auf dem Kofferraumdeckel. Dieses weniger als Indiz sondern als klarer Beweis für die erhebliche Potenz des "kleinen" Benz. Die Show kann also losgehen, nennt mich ab sofort bitte Bernd.
Doch vor dem Fahrvergnügen folgt die erste brutale Ernüchterung. Das Cockpit steht in punkto Haptik und Ergonomie in einem deutlichen Missverhältnis zu dem, was die Fahrzeuge aus Affalterbach sonst auszeichnet: Qualität. Doch glücklicherweise muss sich AMG diesen Schuh nicht anziehen, die Verantwortung für die Innenraumgestaltung trägt die Design-Abteilung des Mutterkonzerns. Ein Lenkrad der Bus-Linie 36, zu kleine Griffe am falschen Platz, unpassender Materialmix und Türverkleidungen einer Gummizelle. Pardon, aber all das hat in einem AMG-Modell nun wirklich nichts verloren. Selbst die zweifarbige Lederausstattung und die partielle Verwendung von Alcantara reissen das Ruder in der B-Wertung nicht mehr herum. Einzig der sehr gute Langstreckenkomfort der Sitze entschädigt für den unvermittelten Schock.
Spüren wir also den Genen des SLK lieber dort nach, wo die Handschrift seiner Erbauer am besten zu erkennen ist. Also beim Zusammenspiel von Motor, Fahrwerk und Bremse. Dafür muss man sich auf den Roadster allerdings ein wenig einschießen, ihn im Wortsinne erfahren lernen. Rein von der Literleistung die Fahrdynamik ableiten zu wollen, wäre schon der erste Fehler. Hand aufs Herz: etwas mehr als 66 PS Literleistung sorgen kaum für hochgezogene Augenbrauen unter den Sportfahrern. Allerdings wirft der SLK 55 AMG stramme 510 Newtonmeter Drehmoment in die Fahrdynamik-Waagschale. Das klingt dann auf einmal wieder sehr anständig. Und so ist es dann auch im Alltag, das Aggregat geht spielerisch mit der Fahrzeugmasse von immerhin 1540 Kilogramm um. Dahingleiten im Stadtverkehr findet bar jeder machomäßigen Attitüde statt, der SLK flüstert regelrecht vor sich hin. Das niedertourige Gurgeln wird auch deshalb zur Ober-Gaudi, weil nur die wirklichen Autokenner den AMG unter den SLK´s auszumachen verstehen. Kein Neid, kein Groll - die Leute ahnen einfach nicht, wie viel Begeisterungspotential dieses Cabrio bereit zu stellen vermag. Nur ganz wenige Fahrzeuge bieten so viel akustisches Understatement bei einer derartigen Performance. Doch wehe, der Achtzylinder darf frei durchatmen - dann ist halli-galli. Einmal gepiekst und der Dreiventiler fängt das Fauchen an, als hätte man einem hungrigen Löwen auf den Schwanz getreten. Getreten wird dann ordentlich, und zwar ausschließlich ins Kreuz des Fahrers. Bei so viel Vorwärtsdrang ist man froh, die Schaltarbeit dem Siebengang-Automatikgetriebe 7G-TRONIC überlassen zu können. Zudem verfügt es über die Option, die Gänge in F1-Manier über kleine Schalter am Lenkrad anwählen zu können. AMG hat diese "Speedshift" genannte Automatik betont mitteilsam ausgelegt. Oder mit anderen Worten: die Anwahl der jeweiligen Gänge wirkt deutlich robuster als beispielsweise in der S-Klasse. Die Affalterbacher sind indes der festen Überzeugung, dass die Kunden dies so wünschen. Der ESP-Leuchte ist es gleich, wie die Gänge sortiert werden. Bei vollem Leistungsabruf flackert sie wild, um den Fahrer vor Schlupf an der Hinterachse zu warnen. Das Ergebnis sind spärliche 4,9 Sekunden, in denen der SLK 55 AMG aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigt, keine dreizehn Sekunden später liegt das doppelte Tempo an. In dieser Fahrzeugklasse bietet das sonst niemand - unabhängig des Motorenkonzeptes. Nur zur Vergegenwärtigung: solche Zeiten wurden noch vor einigen Jahren selbst von Autos des Schlages eines Ferrari 360 Modena oder Porsche GT3 nur geringfügig unterboten!
Beeindruckender als diese obligatorischen Sprints ist jedoch die nachhaltig beeindruckende Durchzugskraft, mit der Überholvorgänge auf der Landstrasse wie im Zeitraffer abzulaufen scheinen. Besonders hier offenbart sich eine weitere, unerwartet positive Eigenschaft des AMG-Derivats. Der SLK wird besser, je mehr man ihn fordert. Je welliger und ungemütlicher es wird, umso direkter teilt sich der kleine Roadster seinem Fahrer mit. Keine alberne Härte oder fehl interpretierte Sportlichkeit aufgrund zu hart abgestimmter Dämpfer. Vielmehr kennzeichnet den SLK 55 AMG exzellenter Federungskomfort, selbst bei Strassen dritter Ordnung. Knarren oder Knistern der Karosserie, wie man es von ähnlich motorisierten Cabriolets der ausländischen Konkurrenz kennt? Nichts dergleichen. Kein einziges Newtonmeter scheint sich in die Verdrehung der Struktur zu verflüchtigen. Im Kern also das, was die AMG-Mannen von Anfang an wollten: einen waschechten Sportwagen, der mit jedem gefahrenen Kilometer zunehmend Spaß macht.
Fazit: Der SLK 55 AMG nimmt in dieser Fahrzeugkategorie eine Einzelstellung ein. Die Faszination, die der charakterstarke V8 versprüht, ist unentwegt zu spüren. Lediglich das wenig dem Sportfahrer angepasste Interieur hinterlässt einen unnötigen Beigeschmack. Doch AMG wäre nicht AMG, hätten sie für die Kritiker nicht die passende Antwort parat. Mit einem Sondermodell werden zukünftig nicht nur die Akustik-Fans zufrieden gestellt. Dank des sprichwörtlich flächendeckenden Einsatzes von Kohlefaser-Elementen wird die motorsportliche Tradition von AMG nun auch im Cockpit angemessen transportiert. Und da es mit 400 PS und 520 Nm nochmals stärker ist, bin ich mir absolut sicher: das hätte auch dem Bernd gefallen.
Quelle: P.Tonne Carportal.tv