Exklusiv: Tractomas – Heavy Metal made in France

Das Ding ist ein echter Brocken. Ausnehmend lang, sehr breit, überragend hoch und verflixt schwer. Der Tractomas TR 8×8 D75, gebaut im wegen seiner Weine bekannten Burgund, genauer in Champs sur Yonne nahe der Stadt Auxerre. Hier fertigt das zur TII- Gruppe (Transporter Industry International) gehörende Spezialfahrzeug-Unternehmen Nicolas Industries die wohl größten Schwerlast-Zugmaschinen für den Straßeneinsatz. Die Monster-Maschinen heißen Tractomas, sind seit gut drei Jahrzehnten im Markt etabliert und in den Versionen 6×6, 8×9 und 10×10 lieferbar.
Der Tractomas TR 8×8 D75 ist eine von ihnen. Und ein wahrer Gigant. Bereits die nackten Eckdaten sind beeindruckend, auch wenn erst der echte Kontakt im wirklichen Leben klar macht, wie verflixt groß das Ding wirklich ist: Satte 10,87 Meter lang, 4,52 Meter hoch und 3,48 Meter breit. Dazu kommt ein Leergewicht, solo und ohne Ballast, von rund 36 bis 40 Tonnen. Um die Fuhre in Bewegung zu setzen, kommt ein Zwölf-Zylinder-Diesel von Caterpillar zum Einsatz. Aus höchst üppigen 27 Litern Hubraum holt das Antriebsaggregat 736 kW / 1000 PS. Und kam, so ganz nebenbei, im Jahre 2005 als stärkste Zugmaschine der Welt (allerdings als Tractomas 10×10) ins Guinness Buch der Rekorde. Auf den Boden bringen die Leistung üppig dimensionierte Reifen in der Größe 14.00 R 25. Das Antriebsaggregat ist an ein Sechs-Gang-Allison-Automatikgetriebe angeflanscht, zwei Übersetzungen (1:0,91 und 1:1,407) erlaubt das verbaute ZF-Zwei-Gang-Verteilergetriebe. Voll beladen schafft der Tractomas rund 40 bis 50 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 65 km/h. Rennen lassen sich damit nicht gewinnen – aber Hunderte von Tonnen schwere Lasten ziehen.

Zum Einsatz kommt der Koloss, von dem im Burgund etwa 20 Einheiten pro Jahr gefertigt werden, im Minenbetrieb, als Mining Road Train. Im Einsatz sind die gigantischen Maschinen vor allem in Australien, China und Südafrika. Für den Einsatz auf europäischen Straßen werkeln die Franzosen derzeit an einem Tractomas mit einer Breite von 2,5 Metern.

Auf gut zwei Meter Höhe liegt die von Renault stammende Kabine des Tractomas. Hier oben erklärt Projektingenieur Sébastien François in luftiger Höhe, an einem für den australischen Markt bestimmten Rechtslenker, vor einer Probefahrt mit dem Koloss aus Burgund dessen wichtigste Funktionen. Die Schalter für die Längs- und Quersperren liegen rechts vom Lenkrad, von den diversen Funktionen links des Lenkrads sollen wir besser die Finger lassen, rät uns Sébastien François. Ebenfalls links liegt die Konsole der sechsgängigen Automatik, gestartet wird in „N“. Auf „R“ geht es nach vorne, nach hinten auf „D“, dazu gibt es die Einzelwahl von „1“ bis „6“ und die Hebel der Feststellbremsen. Nicht angekoppelt für die Probefahrt sind die Fünf-Achs-Anhänger, vier davon zieht der Tractomas problemlos. Auf einem Plateau sind die zwei mal vier Schalter installiert, mit denen sich deren Bordwände öffnen lassen und mit denen die Ladung der Anhänger abgekippt werden kann.

Jetzt den Sitz und die Außenspiegel korrekt einstellen, ein Blick auf den Kamera-Bildschirm, den Zwölfzylinder starten. Der meldet sich brummelnd zum Dienst und schickt eine tausendköpfige Pferdeherde an den Start. Es sind keine feingliedrigen Rennpferde, die da antreten – eher grobschlächtige, aber (zug-)kräftige Ackergäule. Runde 27 Liter Hubraum warten unter der Kabine auf den Startbefehl, also legen wir den Schalter auf Stellung D und damit auf „go“. Der Diesel macht sich akustisch bemerkbar, die ganze Fuhre setzt sich langsam, aber stetig in Bewegung. Das kommt einem als Fahrer in dieser ungewohnten Höhe, so in Sichtweite des ersten Stocks, schon recht flott vor. Der Tractomas macht den Schaltvorgang in den nächsten Gang mit einem Ruck deutlich klar. Das ist nun mal unter Last beim Allison-Automatk so, selbst mit den schweren Anhängern. Angeblich bekommt aber ein geübter Fahrer das Schaltrucken in den Griff. Der hat sicher auch weniger Probleme als wir mit der Fahrbahn, die irgendwie ungewohnt schmal wirkt.

Und sicher kommt der Trucker auch mit den bis zu 535 Tonnen am Haken des französischen Riesen zurecht. In den Minen muss er auf unbefestigten, staubigen Pisten den Untergrund und seine Beschaffenheit richtig einschätzen und seine Spur sicher halten, im richtigen Moment zum Bremsen ansetzen oder Gas geben und beschleunigen. Die leicht laufende Lenkung dürfte ihm die Arbeit dabei erleichtern, ebenso der gut gefederte Fahrersitz. Zwei Klimaanlagen sind an Bord, falls auf der südlichen Hälfte der Welt mal eine ausfallen sollte. Das ist nicht nur ein Beitrag zum Komfort, sondern auch zur Sicherheit des Truckers in der brütenden und gnadenlosen Hitze in Australien. Im Einsatzgebiet, einer Kohlenmine, herrschen durchaus schon einmal 50 Grad Celsius.

Voll belastet mit beladenen Anhängern soll der Tractomas Steigungen bis zu drei Prozent bewältigen. Dabei ist das zwischen 1300 und 1500 Umdrehungen in der Minute anliegende maximale Drehmoment von rund 4000 Newtonmetern ausgesprochen nützlich. Mit dem Nicolas-Power-Booster-Zusatzantrieb lässt sich die Leistung des Tractomas kurzzeitig sogar noch steigern. Für die fünfprozentigen Steigungen, die der Gigant in Australien im Einsatz in einer Kohlenmine – mit dann rund zehn km/h – schaffen muss. Mit der Angabe von Preisen tut sich Pressesprecher Christopher Rimmele ein wenig schwer. Zu unterschiedlich seien die individuellen Anforderungen der Kunden – und damit die verbaute Technik und eben der Kaufpreis. Aber man liegt, so bestätigt er, sicher richtig, wenn man von einem locker sechsstelligen Eurobetrag für die riesigen Kisten ausgeht. (ampnet/gp)

Bilder zum Artikel


Beitrag zuletzt aktualisiert am 2. Januar 2014

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*